Josephine Akinyosoye

© Anke Schwarzer

Josephine Akinyosoye
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„Das Fehlen von Widerstandsdenkmälern ist auch ein Teil dieser kolonialen Spuren“

Interview: Anke schwarzer, 2020/2021

Welche Orte und Räume in Hamburg kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die koloniale Geschichte und Gegenwart denken?

 

Ich denke an die Hamburger Universität mit dem Kolonialinstitut, aber auch an die HafenCity mit dem Columbus-Haus und den anderen Gebäuden dort mit ihren kolonialen Namen, ihrer Geschichte oder ihrer kolonialen Architektur. Zu nennen wäre auch die Hamburger Universität und das damit zusammenhängende Völkerkundemuseum, das jetzt Museum am Rothenbaum heißt. Oder auch der Botanische Garten, das Institut für Zoologie, die Sammlung und der Raub von Pflanzen und Tieren, die Vermessung und die koloniale Forschung. Und es gibt auf St. Pauli das Tropeninstitut.

Es gibt auch koloniale Spuren, die man nicht sieht: All die leeren, weißen Flecken, das Fehlen von Widerstandsdenkmälern oder von Beschreibungen widerständiger Orte sind Teil der kolonialen Spuren. Ich erinnere mich auch an die Teilnehmenden am OvaHerero- und Nama-Kongress und ihr Erschrecken über das Prunkvolle und den Reichtum in der Stadt, die sich vom Hafen bis nach Blankenese erstrecken. Wenn man dem Reichtum und dem Geld folgt, dann kommt man auch auf koloniale Spuren, seien es Denkmäler, Gebäude oder auch die Wirtschaft der Stadt.

Könnten Sie von diesen verschiedenen Orten die Hintergründe der wissenschaftlichen Sammlungen im Fachbereich Biologie oder des Instituts für Zoologie genauer beleuchten?

 

Da bin ich nicht vom Fach, aber ich weiß, dass die Sammlung von Pflanzen, Tieren und Objekten – dazu fällt mir übrigens auch Hagenbeck ein – Teil des kolonialen Projekts ist. Man sammelt, klaut, stellt aus und wenn man durch die Archive und Sammlungen der Universität Hamburg geht, sieht man die vielen Gläser mit verschieden Arten, die hierher gebracht und analysiert wurden. Es gab diese Wissensakkumulation; alles sollte festgehalten und dokumentiert werden. Man wollte Vorreiter sein und Zugriff auf all die Sachen haben. Es gab an der Universität Hamburg personelle Überschneidungen mit der Vorläuferinstitution, dem Kolonialinstitut. Fächer wie Botanik, Geographie und Linguistik haben ihren Ruhm und Glanz und auch ihre Etablierung als Wissenschaft durch das koloniale Wissen erlangt. 

Sie haben die Leerstellen angesprochen. Wie sollte Ihrer Ansicht nach an diese unsichtbaren, aber auch an die sichtbaren Spuren erinnert werden? Wie sollte damit umgegangen werden?

 

Es laufen Prozesse der Straßenumbenennung. Hier ist es sehr wichtig, dass nicht nur eine Plakette angebracht wird, sondern dass der Prozess eingebunden ist in öffentliche Informations- und Diskussionsveranstaltungen. Und es sind nicht nur die Straßennamen: Man sollte auch bestimmte Gebäude und Institutionen umbenennen. An der Hamburger Universität in den 1920er Jahren beziehungsweise am Kolonialinstitut gab es schon damals viele Schwarze Wissenschaftler aus den kolonisierten Gebieten, die der Wissenschaft in Hamburg geholfen haben, die übersetzt haben, die über die Verwendung von Objekten aufgeklärt haben. Man könnte mehr über sie forschen, denn häufig ist das Problem, dass die Namen nicht bekannt sind und sie in den Akten nur als „Gehilfen“ auftauchen. Man könnte einem Institutsgebäude einen solchen Namen geben.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, den Stadtraum zu dekolonisieren ohne sich an alten Spuren abzuarbeiten und Orte zu schaffen, die Kraft geben?

 

„Bei dieser großen Terminologie Dekolonisierung finde ich es sehr wichtig, dass die Veränderungen nicht nur symbolisch bleiben, sondern dass sie, wie es viele Dekolonisierungstheoretiker ausgeführt haben, auch wirtschaftliche und antikapitalistische Perspektiven haben.“

Man muss sich nicht nur an der Bismarck-Statue abarbeiten. Man kann auch eine finanzielle Förderung zum Beispiel in Tansania einrichten, Stipendien vergeben, man kann auch ganz pragmatisch post-koloniale Subjekte, Schwarze Menschen und auch People of Color fördern. Es könnte eine wirtschaftliche Unterstützung für ein Jugendzentrum oder ein Forschungszentrum geben, wo sich People of Color und Schwarze Menschen autonom mit ihrer Geschichte befassen können. Wichtig ist, dass man auch an wirtschaftliche Förderung und finanzielle Umverteilung jenseits symbolischer Leistungen denkt. Auch das Recht muss dekolonisiert werden: Indem postkoloniale Ausbeutung von Ressourcen und Überflutung afrikanischer Märkte mit europäischen Produkten als Fluchtursache anerkannt werden, indem Flucht und Seenotrettung entkriminalisiert und legale Fluchtwege nach Deutschland und ein bedingungsloses Bleiberecht für Menschen, die hierher geflüchtet oder migriert sind, ermöglicht werden. Dazu gehört auch, koloniale Praktiken wie die Alterseinschätzungen von minderjährigen Geflüchteten oder die Unterbringung in Lagern und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Geflüchteten abzuschaffen.