Vom Kolonialinstitut zur Universität

© Nicole Benewaah Gehle 2021

Vom Kolonialinstitut zur Universität

Unbequeme ReprÆsentationen: Wider die koloniale Amnesie zum Jubiläum der Universität Hamburg

Tania Mancheno
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Im Mai 2019 feierte die Universität Hamburg ihr 100-jähriges Jubiläum. Doch wie und wann begann ihre Geschichte? Für ihre Erinnerungskultur ist die Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Kolonialinstitut eine notwendige Aufgabe. Dieser Beitrag diskutiert die koloniale Amnesie der Universität, um die Verflechtung zwischen Kolonialismus und einigen Formen des heutigen Rassismus zu illustrieren.

Zeichnung der Universität Hamburg von Tania Mancheno. Foto: © Tania Mancheno
Die koloniale Geschichte der Universität Hamburg 

Das bekannte und prägnante Gebäude vor dem Bahnhof Dammtor, das mit der ornamentalen Inschrift „Der Forschung. Der Lehre. Der Bildung” geschmückt ist, wurde ursprünglich nicht als Hauptgebäude der Universität konzipiert. Das Hörsaalgebäude wurde von privaten Spenden für das Kolonialinstitut gebaut und im Jahr 1911 fertiggestellt. Im Jahr 1919 löste sich das Kolonialinstitut durch parlamentarische Abstimmung auf und die Räumlichkeiten gingen an die heutige Universität über. Der Lehrstoff der Studiengänge erweiterte sich zwar erheblich, jedoch wurde seine koloniale Ausrichtung nicht grundsätzlich verändert. Disziplinen, die einen deutlichen Bezug zum deutschen Kolonialismus bereits in ihrer Benennung aufweisen, wie beispielsweise Afrikanistik, Äthiopistik und Orientalistik, waren bereits Fächer des Kolonialinstituts, die zum Teil auch noch heute existieren.

Zudem prägten die Kolonialwissenschaftler und Professoren des Kolonialinstituts Bernhard Nocht und Georg Thilenius (zusätzlich, der erste Direktor des Museums für Völkerkunde) nach 1919 die Kolonialforschung und rassistische Lehre an der Universität weiter. Es wäre demnach genauer von einem Umbenennungsakt zu sprechen, dennoch feierte die Universität im Jahr 2019 Jubiläum. Dadurch trennt sie sich nicht nur von ihrer problematischen Vergangenheit, vielmehr reproduziert sie eine Form der Gewalt, die gerade im Kolonialismus zu globalen Dimensionen ausgewachsen war.

Das koloniale Erbe der Universität Hamburg

Der amnesische Umgang mit dem kolonialen Erbe der Universität setzt sich einer Aufarbeitung des Kolonialismus und der Anerkennung des institutionellen Rassismus entgegen. Anders ausgedrückt: Die koloniale Amnesie [1] erlaubt es, die heutigen Formen des Rassismus zu ignorieren, indem die physische und politische Trennung von Wissen(schaft) und rassifizierten Körpern fortgesetzt wird [2]. Dass Kolonialismus „eine Wissenschaft und Technik wie jede andere“ [3] sei, ermöglichte im 20. Jahrhundert einerseits den reibungslosen Übergang vom Kolonialinstitut hin zu einer Universität, in der andererseits auch heute noch keine Professuren von Schwarzen Wissenschaftler*innen besetzt sind. Darüber hinaus bleibt der Anteil an Schwarzen Studierenden dramatisch gering. Daraus resultiert, dass weder die Kolonialgeschichte noch ihre Fortsetzung in einer weißdominierten Institution öffentlich und konstruktiv wahrgenommen und regelmäßig diskutiert werden. 

Im Folgenden werde ich drei Beispiele der unbequemen und problematischen Kontinuitäten vom Kolonialinstitut bis hin zur Universität beschreiben, die zeigen, dass, anstatt rassismuskritische Wissenschaft zu produzieren, die Universität als postkoloniale Institution den Rassismus in der Gesellschaft ignoriert [4].

Die Vorlesungen am Kolonialinstitut fanden im heutigen Hauptgebäude der Universität statt, das 1911 eröffnet wurde. Foto: © Klaus Tornier / Verlag A. Büttner

Die Geschichte des Hauptgebäudes fängt in Südafrika an

Die Finanzierungsgeschichte des Gebäudes für das Kolonialinstitut, heute Hauptgebäude der Universität, weist Verflechtungen zwischen früheren Formen des Antisemitismus und des deutschen Kolonialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf. Exemplarisch dazu ist die Biographie Alfred Beits und seine Beziehungen zum Premierminister der damaligen Kapkolonien, Cecil Rhodes, im Diamentenhandel mit Südafrika. Beit, der zusammen mit Werner von Melle zur Schule ging, spendierte zwei Millionen Mark für die Finanzierung der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung (HWS) aus der das Kolonialinstitut hervorging. Beit wird heute in der Nähe des Campus mit einem Straßennamen erinnert. Doch zu der Zeit seiner Spende wurde er mit antisemitischen Karikaturen in der Presse beleidigt.

Neben Beit wird an die Kolonialakteure des 19. Jahrhunderts, Edmund Siemers und Werner von Melle, in Form von Straßennamen erinnert. Siemers erwarb seinen Reichtum aus seiner, in die extraktivistische Ölindustrie involvierten Firma, die später Teil von ExxonMobil wurde. Er war zudem Importeur von Salpeter. Von Melle, Hamburger Senator und Leiter der Hamburger Oberschulbehörde, konzipierte das „Allgemeine Vorlesungswesen“ des neu gegründeten Kolonialinstituts. Das Hauptgebäude der Universität liegt an der Edmund-Siemers-Allee und der Campus entfaltet sich entlang des Von-Melle-Parks. Diese Geographie illustriert inwiefern Kolonialgeschäfte und -interessen zentral für die Entstehung der Universität waren und die Wissensproduktion formten. 

Mit den Fächern „Landeskunde der deutschen Kolonien“, „Eingeborenenrecht“ und Sprachkurse in der Kolonialsprache Kisuaheli trug das Kolonialinstitut maßgeblich dazu bei, die Enteignungslogik und -technologien für die Besetzung von Gebieten, sowie die korrelierende Verdrängung der kolonisierten Bevölkerung effektiver zu gestalten. Die Geschichte der Fächer der Geographie, heute Erdwissenschaften und der Sinologie illustrieren die obszönen Besiedlungs- und Kontrollbestrebungen, die von den Professoren formuliert und propagiert wurden, selbst nachdem Deutschland seine Kolonialmacht an England verloren hatte. So heißt es im Hamburger Hochschulgesetz von 1921, dass „für die Förderung der Auslands- und Kolonialkunde zu sorgen“ besonders wichtig sei [5].

Die Geschichte des Campus: Heute und Gestern

In der unmittelbaren Nähe des Hauptgebäudes befindet sich zudem die Moorweidenallee. Entlang dieser verlief 1926 die Hamburgische Kolonialwoche, in der eine groteske Verbindung zwischen den sogenannten „menschlichen Ausstellungen“ und einer Militärparade vorgenommen wurde. In Hamburg wurden außerdem die lokalen Firmen gefeiert. Solche rassistischen Events, auch „Hagenbecksche Völkerausstellungen“ genannt, fanden seit 1874 regelmäßig in Hamburg statt. Assimini und Chicanajo, zwei Schwarze Frauen, die von Franz Ludwig Stuhlmann (der Leiter der Zentralstelle für deutsche Kolonien) aus dem heutigen Tansania nach Hamburg im Jahr 1893 gebracht und als kuriose Forschungsobjekte behandelt wurden, nahmen an solchen Events in Berlin teil.  

Die Spuren von Chicanajo und Assimini verlieren sich in Deutschland. Es handelt sich um unvollständige Biographien von Menschen, die direkt oder indirekt die Universitätsgeschichte prägen und an die ungenügend erinnert wird. Beispielsweise wurden Aktfotos von Chicanajo in Büchern der Rassenkunde 1933 abgedruckt – zu dem Zeitpunkt als die Universität zur Hansischen Universität wurde und sich als die erste nationalsozialistische Hochschule Deutschlands positionierte. Im selben Jahr wurde der jüdische Universitätspräsident, der Philosoph Ernst Cassirer, seines Postens enthoben. Der Platz vor der Moorweidenallee ist seit 2010 nach ihm genannt. Das ist auch der Ort, an dem bis 1968 eine Statue für Hermann von Wissmann zusammen mit einer Askaristatue und einer Löwenstatue standen.

Einweihung des Wissmanndenkmals vor dem Vorlesungsgebäude / ehem. Kolonialinstituts in der Hansestadt Hamburg, 1922. Foto © Zache, Hans: Das deutsche Kolonialbuch, Leipzig 1925.
Eine unvollständige Widerstandsgeschichte an der Universität 

Das Denkmal wurde in Dar es Salaam im Jahr 1909, nach dem Tod Wissmanns, der Kolonialgouverneur [6] von Deutsch-Ostafrika im Jahr 1895 war, feierlich eingeweiht und 1922 nach Hamburg gebracht. Seitdem wurde das Denkmal regelmäßig als Gedenkort von Kolonialrevisionist*innen und Nationalsozialist*innen benutzt. Zwischen 1938 und 1945 wurde die übersee- und kolonialkundliche Ausrichtung von der Universität weitergetragen, indem ein „Kolonial-Institut“ erneut unter dem Dach der Universität gegründet wurde.  

Die Bomben, die in Hamburg im Jahr 1945 fielen, hatten die Wissmannstatue zerstört und somit die Askaristatue und den Löwen für kurze Zeit von dem Kolonialverbrecher befreit. Seine Statue wurde allerdings restauriert und stand bis 1968 wieder an seinem ursprünglichen Platz. Der von Studierenden der Universität durchgeführte Denkmalsturz des Kolonialverbrechers im Jahr 1968 diente als performative Ergänzung zu der Veröffentlichung von Das Permanente Kolonialinstitut (1969). In diesem Sammelband kritisierte der ehemalige ASTA (der Allgemeine Studierendenausschuss) die Feier zum fünfzigsten Jubiläum. 

Im Sammelband wird zwar das afrikanische Kollektiv von Studierenden an der Universität erwähnt, allerdings wird von keiner Kooperation berichtet. Gerade die studentische Parallelorganisation ist Beweis für die fehlende Kritik am Weiß-Sein seitens der Autor*innen. So wie die männlichen Körper, die den Sturz verursachten (und in der Geschichte als Akteure dokumentiert werden), wird auch die Kritik an dem Universitätsjubiläum ausschließlich aus der Perspektive der sozialistischen weißen Studierendenschaft artikuliert. Jedoch: Wer, wenn nicht die tansanischen Student*innen hätten Interesse daran gehabt, das Denkmal zu stürzen? Für wen repräsentierte Wissmann nicht nur eine patriarchal-militärische Figur, sondern auch einen Kolonialverbrecher, wenn nicht für die afrikanischen Student*innen? Wessen Menschlichkeit hat Wissmann in Frage gestellt? Die afrikanischen Student*innen wären in der Lage gewesen über die Massaker von Wissmann und ihre Folgen für die lokale Bevölkerung aus der Ersten Person zu berichten. Die lehrreiche Möglichkeit, das individuelle Wissen von Schwarzen Studierenden festzuhalten, wurde damals verpasst.  

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Fußnoten

[1] Im deutschen Kontext wurde der Begriff vom Historiker Jürgen Zimmerer geprägt. Auch Schwarze deutsche Historikerinnen wie Fatima El-Tayeb und Peggy Piesche analysieren die komplexe Beziehung zu Deutschlands kolonialer Vergangenheit.

[2] Diese Hierarchie, die auch Color Line genannt wird, wurde vom Schwarzen Soziologen W.E.B. Du Bois um das Jahr 1900 als das zentrale Problem des 20. Jahrhunderts diagnostiziert.

[3] Zitiert nach Dernburg (1907): Koloniale Lehrjahre: Vortrag, S. 7.

[4] Die ausgrenzende Ausrichtung trifft nicht ausschließlich auf die Universität Hamburg zu, sondern bezieht sich auf die Uni -versität als moderne Institution der westlichen Welt des 19. Jahrhunderts. Für die Möglichkeiten einer Pluriversität siehe: Boidin et al. 2012.

[5] Entnommen aus Hamburgische Gesetze und Verordnungsblatt Nr. 17, ausgegeben am 6. Februar 1921, S. 2.

[6] Wissmann ging besonders brutal u.a. gegen den von Abuschiri Bin Salim al-Harthi geleiteten antikolonialen Widerstand vor (Höre dazu: Der Riss zwischen den Löwenfüßen). Der Sprecher von Berlin Postkolonial, Mnyaka Sururu Mboro, (2021) berichtet, dass in Tansania heute an Wissmann als „schreckliche Katastrophe“ (kiswahili maafa ) erinnert wird.
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Bibliografie

ASTA der Universität Hamburg (1969): Das Permanente Kolonialinstitut: 50 Jahre Hamburger Universität. ASTA: Hamburg.

Dernburg, Bernhard (1907): „Koloniale Lehrjahre”, Vortrag gehalten in Stuttgart am 23. Jan. 1907: Union Dt.: Stuttgart. 

Die Welt (1948), Mit sechzehn Faß Erdöl fing er an – Edmund Siemers, Petroleum-Importeur und Stifter, Aufgerufen am 09.05.2021, http://webopac.hwwa.de/digiview/DigiView_PND.cfm?PND=101782101.

GAL-Bürgerschaftsfraktion (Hg.) (2007): Aufsatzsammlung. Hamburg und Kolonialismus. Kolonialspuren und Gedenkkultur im Selbstverständnis der Handelsstadt. GAL: Hamburg. 

Hamburgisches Gesetz- und Verordnungsblatt Nr. 17, ausgegeben am 6. Februar 1921. Aufgerufen am 09.05.2021, https://www.digi-hub.de/viewer/fulltext/BV041067391/1/.

Mancheno, Tania (2019), Das Gespenst des deutschen Kolonialismus - 100 Jahre Kolonialinstitut? (Interview geführt von Alexa Vaagt), Aufgerufen am 09.05.2021, https://politik100x100.blogs.uni-hamburg.de/interview-mancheno-kolonialinstitut/.

Mancheno, Tania: 100 Jahre Kolonialinstitut? Das Gespenst des deutschen Kolonialismus (Interview geführt von Alexa Vaagt), in: Peter Niesen / David Weiß (Hg.) (2021), 100 Jahre Politikwissenschaft in Hamburg. Bruchstücke zu einer Institutsgeschichte, Transcript: Bielefeld, S. 240–244.  

Mboro, Mnyaka Sururu (2021), „Wir löschen die Geschichte nicht aus, wir machen sie erst sichtbar“ (Interview geführt von Katja Iken), Aufgerufen am 14.05.2021, https://www.spiegel.de/geschichte/umbenennung-der-wissmannstrasse-in-berlin-wir-machen-die-geschichte-erst-sichtbar-a-648ebb2b-a424-458a-a56d-adcd4ac8a71c.

Stefan Micheler / Jakob Michelsen (Hg.) (1994), Der Forschung? Der Lehre? Der Bildung? – Wissen ist Macht! 75 Jahre Hamburger Universität. Studentische Gegenfestschrift zum Universitätsjubiläum 1994, Universität Hamburg: Hamburg.

Möhle, Heiko (1999): Branntwein, Bibeln und Bananen. Der deutsche Kolonialismus in Afrika – eine Spurensuche, Assoziation A: Hamburg.

Raßhofer, Veit: “Das Hamburgische Kolonialinstitut”, in: Ludwig Paul (Hg.) (2008), Vom Kolonialinstitut zum Asien-Afrika-Institut. 100 Jahre Asien- und Afrikawissenschaften in Hamburg. Ostasien: Gossenberg, S. 13–30.

Ruppenthal, Jens: “Das Hamburgische Kolonialinstitut und die Kolonialwissenschaften”, in: Jürgen Zimmerer (Hg.) (2013): Kein Platz an der Sonne: Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn, S. 257–269.

Ulrich van der Heyden und Zeller, Joachim (Hg.) (2007): Kolonialismus hierzulande. Eine Spurensuche in Deutschland. Sutton: Erfurt.  

Zimmerer, Jürgen: „Humboldt, und was nun? Humboldt Forum, koloniale Amnesie und aktuelle Identitätsdebatten“, Vortrag gehalten am 01. März, 2021. Universität Hamburg, Aufgerufen am 09.05.2021, https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/25233.

Steinhäuser, Frauke (Hg.) (2015): Nach Kolonialakteuren benannte Straßen in Hamburg. Bundeszentrale für politische Bildung: Hamburg. 

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Weiterführende Literatur

Boidin, Capucine, James Cohen und Ramón Grosfoguel: “Introduction: From University to Pluriversity: A Decolonial Approach to the Present Crisis of Western Universities” in: Decolonizing the University: Practicing Pluriversity. Human Architecture: Journal of the Sociology of Self-Knowledge: Vol. X, No. 1/2012, S. 1–6.

Du Bois, W.E.B.: “To the nations of the world”, Vortrag gehalten am 25. Juli, 1900. Westminster Hall in London, Aufgerufen am 09.05.2021, https://www.blackpast.org/african-american-history/1900-w-e-b-du-bois-nations-world/.

Nguyen, Dan Thy 2018, „#4 ReprÆsentationen. (Interview geführt von Tania Mancheno), Aufgerufen am 09.05.2021, https://kolonialismus.blogs.uni-hamburg.de/2018/10/11/4-repraesentationen-ein-interview-mit-dan-thy-nguyen-performancekuenstler-und-autor-des-stuecks-sonnenblumenhaus/.

Zimmerer, Jürgen et. al. (2020): Koloniale Hintergründe: Das Museum für Völkerkunde Hamburg, Aufgerufen am 07.05.2021, https://artsandculture.google.com/exhibit/koloniale-hintergründe-das-museum-für-völkerkunde-hamburg/3gLSWkBQpqlsLw?hl=de.