Verbindungslinien

© Francisco Vidal

Verbindungslinien

Über das geteilte Kolonialerbe der Hafenstädte Lissabon und Hamburg

Die Hafenstädte Hamburg und Lissabon gehörten über lange Zeit zu den einflussreichsten Kolonialmetropolen Europas. Sie waren wichtige Knotenpunkte in einer langen und gewaltsamen Entstehungsgeschichte der globalisierten Welt, in der wir heute leben. Das koloniale Erbe der beiden Städte weist dabei eine Vielzahl von Verbindungslinien auf.

Jonas Prinzleve
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Wer sich kritisch mit europäischer Kolonial- und Versklavungsgeschichte auseinandersetzen möchte, findet bei einem Besuch Lissabons und Hamburgs erstaunlich wenige Angebote. Kolonialgeschichte wird in den Ausstellungen prunkvoller Villen, Regierungsgebäuden, tropischer Parkanlagen, oder musealer Kunstsammlungen häufig verschwiegen oder verklärt dargestellt. Dabei eint die beiden Hafenstädte das schwierige historische Erbe, das sich aus ihrer Beteiligung an globaler Kolonial- und Versklavungsgeschichte ergibt.

Ausgangspunkt dieser Kolonialgeschichte, die beide Städte verbindet, ist Portugal, das in der frühen Neuzeit eine bedeutende Rolle für den Beginn des Kolonialismus einnahm. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts begannen Seefahrer, Ritter und Söldner, von Portugal aus Seewege über den Atlantik nach Asien, Äquatorialafrika und ab 1500 auch nach Südamerika zu erkunden und zu etablieren. Die frühen Expeditionen auf den sogenannten Karavellen-Schiffen fanden häufig unter der Schirmherrschaft des Kronprinzen Heinrich statt. Dieser wird heute als Heinrich der Seefahrer im nationalen Kollektivgedächtnis als Patron der portugiesischen Entdeckungen erinnert und verehrt. In Lissabons zentralem „Denkmal der Entdeckungen“ im Stadtteil Belém ist er als Anführer von Seefahrern, Kolonisatoren und Missionaren verewigt. 

Vorbereitungsarbeiten für die portugiesische Weltausstellung, die 1940 in Lissabon stattfand. Foto: Horácio Novais (1910-1988). © Stiftung Calouste Gulbenkian

Ziel der Reisen nach Westafrika war neben der Christianisierung vor allem, die verfeindeten muslimischen Herrschaftsgebiete im Mittelmeer zu umgehen. Es galt, einen uneingeschränkten Zugang zu dem Gold und Elfenbein zu erlangen, das die Karawanen der Araber und Berber gewinnbringend durch die Sahara nach Südeuropa brachten. Aufgrund mangelnder Goldfunde entführten die Expeditionstrupps an der Küste Mauretaniens und des Senegals Männer, Frauen und Kinder und verschleppten diese ins portugiesische Lagos, Lissabon oder nach Porto, um sie dort zu verkaufen.

Menschenhandel als Grundstein des Wohlstands

Der Handel mit versklavten Menschen war im gesamten Mittelmeerraum üblich und die Nachfrage groß. Die riskanten portugiesischen Expeditionen wurden nicht nur durch den portugiesischen Adel finanziert. Viele vermögende europäische Kaufleute, unter ihnen Niederländer, Engländer, Genuesen, Venezianer und Deutsche beteiligten sich früh an dem Afrika-Geschäft.

Nach Äquatorialafrika vorstoßend begannen die Portugiesen schon bald damit zu experimentieren, große Gruppen von versklavten Menschen systematisch auf Zuckerrohrplantagen einzusetzen, zum Beispiel auf der westafrikanischen Insel Sao Tomé. Dieses Wirtschaftsmodell exportierte Portugal zu Beginn des 16. Jahrhunderts über den Atlantik nach Brasilien. Die hohen Gewinne des portugiesischen Königreichs weckten das Interesse weiterer europäischer Kolonialmächte. Mit der Kolonisierung der Karibischen Inseln begann eine neue Qualität der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und der Menschenhandel erreichte bisher ungekannte Dimensionen.

Das sich entwickelnde Geschäft zwischen Europa, Afrika und sowohl Nord- als auch Südamerika erzeugte ein vor-industrielles, transatlantisches Wirtschaftssystem, das auf Landraub und Versklavung beruhte. Dieser Kolonialhandel ließ zunächst Lissabon (und später auch Hamburg) zu einer der wohlhabendsten Städte Europas werden.

Handelsbeziehungen zwischen Lissabon und Hamburg

Lissabon und Hamburg waren bereits vor, jedoch vor allem während des 17. Jahrhunderts durch ausgeprägte Handelsbeziehungen verbunden, wie die deutsche Historikerin Jorun Poettering beschreibt. „War Lissabon zum Mittelpunkt eines Handelsimperiums geworden, das sich von Asien über Afrika bis nach Amerika erstreckte, so beruhte Hamburgs Stellung im Handel auf seiner Funktion als Tor zum zentraleuropäischen Hinterland.“ 

Die Händler des unabhängigen Stadtstaates Hamburg belieferten Lissabon vor allem mit Holz, Metallen und Getreide. Diese Waren ermöglichten den Schiffbau, die Waffenherstellung und die Verpflegung, die für die portugiesische Expansion unabdingbar waren. Im Gegenzug erhielten in Hamburg ansässige Kaufleute über Lissabon Kolonialwaren wie Farbstoffe, Gewürze, Zucker oder Tabak.

Vor allem Lissabon, aber auch Hamburg waren bereits im ausgehenden 16. Jahrhundert Städte der Migration, in denen Arbeiterschaft und Kaufleute verschiedenster Herkunft und Religion tätig waren. In Lissabon verkehrten wohlhabende Händler aus Asien und Afrika, während geflohene und freie Sklavinnen und Sklaven in den Armenvierteln der Stadt lebten und arbeiteten. Kaufleute aus den Niederlanden, aus Deutschland und aus England unternahmen Geschäftsreisen nach Lissabon oder siedelten sich dort an. Sie wurden angezogen vom Profit des Kolonialhandels und nicht selten von der portugiesischen Krone angeworben, die sich Investitionen in koloniale Expeditionen erhoffte.

In Hamburg ließen sich derweil seit Beginn der 1580er Jahre nicht nur englische und niederländische Kaufleute nieder, sondern zunehmend auch portugiesische Juden und Neuchristen,  die vor der Inquisition von der iberischen Halbinsel flohen. Ihre Spuren lassen sich noch heute anhand portugiesischer Grabsteininschriften erkennen, die auf verschiedenen jüdischen Friedhöfen der Hansestadt zu entdecken sind. Deren größter und ältester liegt in Hamburg-Altona und wurde 1611 errichtet.

Grabsteine von portugiesischen Juden auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg Altona. Foto (Ausschnitt): © Susanne Mu, Wikimedia Commons, lizensiert unter: CC BY-SA 3.0

Lange Zeit wies die Geschichtsschreibung fälschlicherweise der jüdischen Diaspora die Schlüsselrolle in der frühen wirtschaftlichen Modernisierung Europas zu. Dabei waren deren weltweit entstehenden Gemeinden aufgrund sozialer und rechtlicher Diskriminierungen fast immer im Nachteil gegenüber anderen Kaufleuten.

Auch in Hamburg war die jüdisch-portugiesische Gemeinde, die „Natio Lusitana“, eine zwar geduldete, jedoch überwiegend isolierte Gruppe, der vielfältige Sonderregelungen auferlegt wurden. So waren Portugiesen in Hamburg von umfassenden Handelseinschränkungen betroffen, durften ihrer Religion nicht öffentlich nachgehen und waren vor der heimischen Inquisition nicht völlig sicher. Zurück nach Portugal oder Spanien zu reisen, beispielsweise um Geschäftsbeziehungen zu stärken, war mit hohem Risiko verbunden. Die Hamburger Kaufleute in Lissabon waren hingegen mit verschiedenen Privilegien versehen, genossen weitgehende Religions- und Handelsfreiheit, konnten unterschiedliche Ämter übernehmen und in die Hansestadt reisen, wie es ihnen beliebte. Sie integrierten sich meist schnell in die portugiesische Mehrheitsgesellschaft und stiegen in die oberen Schichten auf.

Durch ihre vielseitigen Handelsbeziehungen konnten Hamburger Kaufleute direkt am Kolonial- und Versklavungshandel teilhaben. Sie profitierten nicht nur vom Kauf und Konsum der Kolonialwaren, sondern investierten aktiv in die Logistik des Kolonialhandels. Dieses Muster prägte den Kolonialhandel der Stadt bis ins späte 19. Jahrhundert. Während sich die wirtschaftspolitische Blütezeit Lissabons im ausgehenden 17. Jahrhundert dem Ende zuneigte, schaffte es Hamburg, seine Beteiligung am Kolonialhandel zu sichern und sogar auszubauen. Die Händler des politisch vergleichsweise unbedeutenden Stadtstaats beteiligten sich am Handel kolonialer Großmächte wie den Niederlanden, Dänemark, England oder Frankreich, die allesamt Versklavungshandel an der westafrikanischen Küste sowie Plantagenwirtschaft auf den Karibischen Inseln betrieben. Die Hamburger Kaufleute sicherten ihnen Investitionen zu, stellten Schiffe zur Verfügung und lagerten und verarbeiteten Kolonialwaren wie Zucker, Tabak, Kautschuk und Textilien.

Erinnerung heute: Aussparungen und Umdeutungen

Wie wird diese Vergangenheit in beiden Städten heute erinnert? Welchen Raum nimmt dabei die koloniale Gewalt ein, auf der sich ein nicht unerheblicher Teil des Reichtums beider Städte stützte? Die Art und Weise wie Vergangenheit im öffentlichen Raum erinnert oder vergessen wird, ist eng an dominante politische und ökonomische Interessen der Gegenwart geknüpft. Was die portugiesische Anthropologin Elsa Peralta für Lissabon feststellt, ist auch auf Hamburg übertragbar: Die Innenstädte beider Großstädte sind geprägt vom ständigen Wettbewerb um Besucher*innenzahlen und Einnahmen aus dem Tourismus. Viele der touristischen Attraktionen werfen dabei einen nostalgischen Blick auf vergangene Imperien, auf den Kolonialhandel und auf das sogenannte Entdeckertum. Die Erinnerungsperspektiven und die Widerstandsgeschichte Schwarzer und migrantisch-diasporischer Gruppen, die vom Kolonialismus und dessen Folgen betroffen sind, bleiben in den Zentren beider Städte weitgehend unsichtbar. Zum Beispiel verschweigen die meisten Museen und Ausstellungen rund um die historische Hamburger Speicherstadt den Menschenhandel, Landraub und die Zwangsarbeit, auf denen das transatlantische Kolonialgeschäft basierte.

In beiden Städten wird die jahrhundertelange Gewaltgeschichte nicht nur häufig aus dem öffentlichen Diskurs ausgespart, sondern als maritime und weltoffene Tradition umgedeutet. Beispielsweise gleicht ein Besuch des historischen Hafens in Hamburg, auf dessen Gebiet heute eines der größten städtebaulichen Projekte Europas entsteht, die sogenannte HafenCity, einem Treffen des Who’s who der Europäischen Globalisierung. Bereits am Eingang des Stadtteils blicken einem überlebensgroße Kolonialstatuen von Christopher Kolumbus und Vasco da Gama entgegen, während die neuen Plätze und Gebäude der HafenCity feierlich Columbus-Haus, Humboldt-Haus, Vespucci-Platz oder Magellan-Terrassen getauft wurden.

Auch in Lissabon wird Stadtgeschichte als Teil eines maritimen und weltoffenen Images vermarktet. Als Landeshauptstadt ist die Stadt das Zentrum nationaler Symbolpolitik und bildet ein wahres Sammelsurium aus Referenzen an das sogenannte „Goldene Zeitalter der Entdeckungen“, Portugals wichtigstem Nationalmythos. Dieser wurde bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert, vor allem aber während der ersten Republik (1910-1926) sowie während der faschistischen Diktatur des Estado Novo (1933-1974) tief im Stadtbild verankert, unter anderem um koloniale Expansionspolitik populär zu machen.

Nach dem Ende der Diktatur sind Symbole wie Karavellen-Schiffe und Kreuze sowie die Namen von Versklavungshändlern und Kolonialoffizieren im postkolonialen Lissabon weiterhin allgegenwärtig. Zum Beispiel wurde das 500. Jubiläum der Ankunft Vasco da Gamas in Indien durch die Weltausstellung Expo´ 98 in Lissabon gefeiert. Unter der spektakulären postmodernen Architektur des Expo-Geländes finden sich der über 100 Meter hohe Vasco da Gama Turm, das Theater Camões sowie die längste Brücke Europas, die sich über den Tejo spannt, die Brücke Vasco da Gama. Die zahlreichen positiven Bezüge auf Portugals Expansionsgeschichte verschweigen jedoch, wie eng die sogenannten „Entdeckungen der neuen Welt“ mit dem Beginn von moderner Kolonial- und Versklavungsgeschichte zusammenhängen. Auch dass ein bedeutender Teil der Bauarbeiten des Expo-Geländes von afrikanischen und afro-portugiesischen Migrant*innen geleistet wurde, fand während der Eröffnungsfeierlichkeiten und innerhalb der Ausstellungen keine Erwähnung.

Vielfältige Initiativen für eine veränderte Erinnerungslandschaft

Es sind vor allem die Mitglieder der migrantisch-diasporischen Communities, die sich für eine Veränderung der städtischen Erinnerungslandschaften einsetzen. In Lissabon hat der afro-diasporische Verein Djass erfolgreich eine zentrale Gedenkstätte für die Opfer der Sklaverei auf den Weg gebracht. Am innerstädtischen Tejo-Ufer wird eine begehbare Zuckerrohrplantage aus schwarzem Aluminium entstehen – nahe der verschütteten Mauern des ehemaligen königlichen Handelszentrums. In Hamburg sind postkoloniale und migrantisch-disporische Initiativen dabei, gemeinsam mit den städtischen Behörden ein postkoloniales Erinnerungskonzept auszuarbeiten, um die vielen verbliebenen kolonialen Zeichen im Stadtraum zu markieren und umzudeuten.

Modellansicht der Gedenkstätte für die Opfer der Sklaverei Plantação - Prosperidade e Pesadelo” von Kiluanji Kia Henda, 2019. Foto: © Kiluanji Kia Henda
In den ehemaligen Kolonialmetropolen Lissabon und Hamburg geht es darum, das öffentliche Schweigen über Kolonialismus und Versklavungshandel nachhaltig zu brechen. Die Online-Karten sollen hierzu einen Beitrag leisten und es ermöglichen, die vielschichtige Kolonialgeschichte der beiden Städte als geteiltes Erbe kennenzulernen.
Oktober 2020
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QUELLEN

Daniel Cattier, Juan Gélas, Fanny Glissant: Slavery Routes - A Short History of Human Trafficking (Arte)

Jorun Poettering (2013) Handel, Nation und Religion: Kaufleute zwischen Hamburg und Portugal im 17. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 

Elsa Peralta, Nuno Domingos: «Lisbon: reading the (post-)colonial city from the nineteenth to the twenty-first century», in: Urban History, volume 46, Issue 2, May 2019, pp. 246-265 (online verfügbar unter https://www.cambridge.org/core/journals/urban-history/article/abs/lisbon-reading-the-postcolonial-city-from-the-nineteenth-to-the-twentyfirst-century/CAFBCD1FC72C16A8237EE23CEB918381)