Amadora: Estrada Militar, Santa Filomena, Encosta Nascente

© Manuel Horácio

Amadora: Estrada Militar, Santa Filomena, Encosta Nascente

Na Pó di Spéra: zwischen Verschwinden und Widerstand

Sónia Vaz Borges
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Stadt, Stadtviertel, Blechhüttensiedlung. Schon die Bezeichnungen für Orte, an denen wir leben und uns bewegen, zeigen, wie Hierarchien entstehen und als hierarchische Konstruktion innerhalb unseres Alltagsdiskurses klassifizieren, einschließen oder exkludieren. Sie geben auch Auskunft darüber, wie wir Geschichte lesen und reflektieren, sowie über die Körper, die diese Orte bewohnen. Dieser Aufsatz hinterfragt mit dem Leser das Konzept „der  Stadtviertel“ (os bairros), welche von ihnen Lissabon ausmachen und welches Erbe jeder einzelner dieser Räume ins urbane Gefüge einbringt, das wir sehr vereinfachend Stadt nennen.  

Belém, der heilige Winkel am Ufer des Tejo 

Jahr für Jahr empfängt Lissabon Tausende Touristen, die nichts anderes wollen, als die Stadt der sieben Hügel zu erkunden. Lissabon ist in der Tat eine schöne Stadt, aber nur wenigen gelingt es, in ihr auch ein riesiges Freiluftmuseum der Kolonialzeit und der Versklavung zu erkennen.  
Das Flussufer im Stadtteil Santa Maria de Belém ist einer der vielen Orte, an denen sich die Kolonialgeschichte darstellt. Seit 2012 beschreibt die offizielle Website der portugiesischen Tourismusagentur (Visit Portugal) dieses Viertel und insbesondere den Bereich am Tejo-Ufer als Ort „mit zahlreichen Denkmälern zu den portugiesischen Entdeckungsreisen […]. In Belém setzte Vasco da Gama 1497 die Segel, um den Seeweg nach Indien zu finden, und noch immer ist überall in der Umgebung die Größe des früheren Imperiums zu spüren”. Der Diskurs ist hier ungebrochen und unwidersprochen und soll dem Besucher vor allem eine nostalgische Reise in die Vergangenheit und in die Zeiten des portugiesischen Imperiums bieten. 
Von Santa Maria de Belém aus verbinden mehrere Buslinien das berühmte Kolonialzentrum mit anderen, weniger angesehenen Gegenden der Stadt, mit der Peripherie, also Räumen, die sich im na pó di spera befinden. 

Alltag im na pó di spéra 

Der aus dem traditionellen Kreol der Kapverden stammende Ausdruck na pó di spéra bezeichnet den Rhythmus des Alltags, wenn es keinen anderen Ort gibt, an den man gehen oder an dem man sich aufhalten kann, das Warten auf jemanden oder auf etwas, das Warten auf eine Nachricht, wenn es im Augenblick nichts zu tun gibt, wenn man sich vor der Tür sitzend ein wenig ausruht oder schlicht irgendwo stehen bleibt. Dann ist man na pó di spéra. Der Ausdruck war eine gängige Antwort auf die schlichte Begrüßung „Guten Tag, wie gehts?” 
In Amadora gelegen, einer der Städte im Umland von Lissabon, sind Estrada Militar, Santa Filomena und Encosta Nascente drei Stadtviertel, die gemeinsam das sind, was ich vereinfachend bairro (Stadtviertel) nenne. In der verqueren portugiesischen Vorstellungswelt ist bairro im Zusammenhang mit Amadora sofort negativ konnotiert und wird in Verbindung gebracht mit Peripherie, Illegalität, Armut, unfertigen Gebäuden, in denen arme Schwarze Einwanderer und ihren Nachfahren leben. Man stellt sich das bairro als ein verbotenes Terrain vor, vor allem für weiße Körper (obwohl viele von ihnen von Anfang an dabei waren), als Ort, an den man sich nicht verlaufen will, nicht einmal bei Tageslicht. Tatsächlich entspricht die Gegend nicht den gängigen Vorstellungen von architektonischer Schönheit und städtischen Ordnungskriterien. Gebaut wurde und wird aus dem Nichts und mit dem, was der jeweiligen Familie an Material und finanziellen Mitteln zur Verfügung steht und nach deren Bedürfnissen. Das Gelände, auf dem die Häuser errichtet wurden, ist weder erworben noch nach den Gesetzen der territorialen Aufteilung eingetragen. Im Gegenteil: Brachliegende Gelände wurden über die Jahre besetzt und anschließend von unrechtmäßigen Besitzern an die nächsten unrechtmäßigen Besitzer weiterveräußert, aufgrund informeller, also prekärer Besitztitel.  

Luftaufnahme von den Wohnvierteln Santa Filomena, Encosta Nascente und Estrada Militar. Quelle: © Google maps, 2009 

Das Wohnviertel um die Estrada Militar [Militärstraße], 1980. Blick auf den improvisierten Fußballplatz, der von den Bewohnern angelegt wurde. Das Foto wurde freundlicherweise von Manuel Horácio zur Verfügung gestellt. 

Das bairro ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Studien, Reportagen, Stadtpolitiken, Sozialprojekte und Maßnahmen und lebt unter ständiger starker bewaffneter Polizeipräsenz, sodass der Ort, wie wir ihn kennen, Ergebnis eines sozialen Diskurses und kultureller wie politischer Praxis ist, die sich über die Jahre (re)produziert und (neu) etabliert. Für die Wissenschaft ist das bairro mit seinen Bewohnern lediglich als Terrain interessant, auf dem sich Informationen zur Untermauerung von Theorien gewinnen lassen. Für die Stadtpolitik ist das Gebiet ein Ort, der nur Kopfschmerzen bereitet, und ein Problem, das gelöst werden muss, Schandfleck in den Bestrebungen der Verwaltung, eine saubere und angenehme Stadt zu gestalten. Was in der Regel nicht gesagt und berücksichtigt wird, ist, dass dieser Raum voll von historischen und gesellschaftlichen Elementen ist (von der Konstruktion von Wissen, Methoden und bis zu gesellschaftlichen Abmachungen), mit von den Einwohnern mitgebrachten Geschichten beladen, und das Ergebnis von Netzwerken und Strategien des Überlebens ist, die sich genau dort entwickelt haben.  

Die Entstehung des Viertels 

Die Entstehung des Viertels geht auf das Ende der 1960er-Jahre zurück und basiert auf Migrationsgeschichten. Die ersten, die sich dort niederließen, waren portugiesische Zuwanderer vom Land, die auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen nach Lissabon kamen. Da sie nicht in der Lage waren, eine Wohnung zu erwerben oder auch nur ein Zimmer zu mieten, bauten diese Migranten Häuser auf brachliegenden Maisfeldern in Amadora. Mit der Zeit zogen weitere Familien dazu und das Viertel wuchs. Mit dem Krieg in den kolonisierten Gebieten - Angola, Mosambik, Guinea-Bissau – ließen sich dort auch „zurückgekehrte” Portugiesen (retornados), Kriegsflüchtlinge und Flüchtlinge nach der Dekolonisierung nieder,  das Viertel wuchs weiter. Auch wenn sich schon damals einige – meist männliche – Afrikaner dort niederließen, wuchs diese Bevölkerungsgruppe in nennenswertem Umfang dort erst Ende der 1980er-Jahre.  
Das Land wurde also von dieser Bevölkerung erworben, die selbst nicht rechtmäßiger Eigentümer war. Mit der Zeit wanderte die portugiesische Bevölkerung ab, und heute sind die meisten Einwohner Schwarze Afrikaner, vor allem von den Kapverden, die den Entstehungs- und Entwicklungsprozess dieser Viertel fortführen und weiterentwickeln. In diesen Prozess der Fortführung und Weiterentwicklung fließen eine Reihe von kulturellen Elementen in den Alltag ein. Aufgrund des oft unbewussten Bedürfnisses oder auch schlicht der Absicht, etwas Heimatgefühl zu bewahren, sich an Familie und Freunde zu erinnern, die in Kapverde geblieben sind, und künftigen Generationen ein Gefühl von Zugehörigkeit, Wurzeln und Identität zu vermitteln, sind die Traditionen zu einem zentralen Element des Überlebens im Alltag des bairro geworden.  

Der Alltag 

Der Alltag ist deutlicher Ausdruck dieser unbewussten Notwendigkeit. Er ist Ausdruck von Traditionen, die kein spezifisches Datum und keinen besonderen Tag benötigen. Sie werden im Gegenteil täglich begangen und einbezogen. Das zeigt sich in der Alltagssprache, dem kapverdischen Kreol, in Klängen, Gerüchen, Geschmäckern, nichtverbalen Codes, die möglicherweise nicht einmal auffallen. Traditionen äußern sich auch darin, wie man lebt, sich verhält und in den Geschichten, die diese entstehen lassen. Es sind Traditionen, die weit über Statisches und Folkloristisches  hinausgehen. Genau wie Personen bewegen sich Traditionen und werden täglich (neu) angepasst, vor allem von der jüngeren Bevölkerung. Mit dieser sind neue Elemente, neue Regeln und neue Verhaltensmuster entstanden. Ein unterbewusstes Werk der Rehabilitierung und Modernisierung, das „gezwungenermaßen“ im Einklang und im Dialog mit früheren Generationen steht. Ein Dialog, der nicht immer einfach oder reibungslos ist.

Das Wohnviertel Santa Filomena - Ansicht von der Straße C. © D.R. 

2012 begann die Verwaltung von Amadora im Zuge eines landesweiten „Umsiedlungsprogramms“ (programa de realojamento) der Regierung und unter starken Protesten und entsprechender Polizeipräsenz mit dem Abriss des Quartiers Santa Filomena, ohne die 1993 erhobenen Daten über die Einwohnerschaft zu aktualisieren. Die Umsiedlung führte nicht nur zur Trennung und Entwurzelung von Familien, Netzwerken, Freundschaften, sondern zwang auch viele, die von einem Tag auf den anderen alles verloren, was sie sich im Lauf eines Lebens aufgebaut hatten, dazu, auf der Straße zu leben. 

Ein, zwei, viele Stadtviertel in der Tradition kolonialer Praxis 

Im Quartier Santa Maria de Belém in der historischen Innenstadt Lissabons wird Kolonialgeschichte weiterhin ungebrochen überhöht zelebriert und als eindeutige Einladung an Touristen zu einem Ausflug zum „wichtigsten Umschlagplatz des Welthandels im 15. und 16. Jahrhundert“ verstanden, wo das „Denkmal der Entdeckung und die Praça do Império das Gefühl für die frühere Größe des Portugiesischen Weltreichs” erleben lassen, wie es 2021 noch immer auf dem Portal der Tourismusbehörde von Lissabon heißt. Im Gegensatz dazu sind Santa Filomena und andere Viertel mit ähnlicher Charakteristik – Estrela de África, Damaia oder Cova da Moura – politisch dazu verdammt, verschwiegen und ausradiert zu werden. Ein Prozess, der Ergebnis einer noch immer herrschenden Kolonialpolitik der portugiesischen Regierung ist, wie sie früher in den kolonisierten Gebieten praktiziert wurde.  
Und wenn nicht dies, so ist es zumindest Strategie, die Quartiere als Teil einer negativen Erzählung zu etablieren, die auf Stigma, Kriminalität und Gefahr basiert, also nur eine weitere Form des Verschweigens und Ausradierens. Doch so wie na pó di spéra kämpft auch Santa Filomena, obwohl inzwischen in alle Richtungen verstreut, weiter, den Geist und den Widerstand aufrecht zu halten, den das Viertel seit jeher vermittelt.  
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