Portas de Benfica

© Rui Sérgio Afonso 2021

Portas de Benfica

Geister des Kolonialismus in der postimperialen Stadt: eine Geschichte der Barackensiedlungen in Lissabon

Eduardo Ascensão
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Ende der 1980er-Jahre entstanden in der Peripherie der beiden Städte Lissabon und Porto informelle Siedlungen, in denen überproportional viele Migrant*innen aus den ehemals von Portugal kolonisierten Ländern Afrikas lebten. In gewisser Weise reproduzierte diese Struktur die Organisation kolonialer Städte. 

Fünfzehn Jahre nach der portugiesischen Nelkenrevolution am 25. April 1974 lebten in Portugal etwa 200.000 Personen in informellen Siedlungen. Dies war der Höhepunkt eines langen Prozesses von Binnenmigration in die Metropolregionen von Porto und Lissabon seit den 1960er-Jahren sowie der Migration aus den unabhängig gewordenen ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika.

Den vulnerabelsten Gruppen unter ihnen war der Zugang zum regulären Wohnungsmarkt aufgrund ökonomischer Benachteiligung verschlossen. Rassismus auf dem privaten Wohnungsmarkt erschwerte den Migrant*innen aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien zusätzlich den Zugang zum Mietwohnungsmarkt, ohne dass ihnen der Zugang zum öffentlich geförderten Wohnungsbau offen gestanden hätte. So ließen sie sich in den von ärmeren Zuwanderern aus ländlichen Gebieten gegründeten informellen Siedlungen nieder. Dieser Prozess ließ die Siedlungen weiter anwachsen. 

1993 gab es im Großraum Lissabon 986 Barackensiedlungen mit insgesamt 32.333 Familien und einer Gesamtzahl von 132.181 Bewohner*innen. Schwarze Einwanderer und ihre Nachkommen stellten etwa 34 Prozent der dort ansässigen Bevölkerung, während ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung je nach Bezirk lediglich zwischen drei und neun Prozent betrug.

Barackensiedlung Quinta da Serra in der Gemeinde Prior Velho. Im Hintergrund die Neubausiedlung Portela de Sacavém 1990. Foto: © Padre Valentim Gonçalves
Reproduktion kolonialer Verhältnisse in der postimperialen Stadt

Im weitesten Sinne reproduzierte diese Struktur die soziale Organisation kolonialer Städte, wo ein Großteil der Schwarzen Bevölkerung quasi außerhalb der Stadt auf Flächen ohne Infrastruktur lebte. Dazu zählen etwa die musseques von Luanda, den Siedlungen der ärmeren Bevölkerung an den Stadträndern oder die als caniço (Schilf oder Stroh) bezeichneten rudimentären Siedlungen insbesondere an der Peripherie von Lourenço Marques (dem heutigen Maputo) oder den so genannten bairros indígenas  an den Stadträndern von Bissau.

Das Muster des urbanen Kolonialismus – fehlende Infrastruktur für eine ausschließlich als Arbeitskraft angesehene Bevölkerung – reproduzierte sich also in der Art und Weise, wie sich Lissabon und sein Umland mit seinen bairros de lata (Blechhütten- oder Barackensiedlungen) nach 1974 entwickelte. Die ehemals koloniale Herrschaftsstruktur repliziert sich hier gewissermaßen in der postimperialen Stadt.

Das war jedoch keineswegs eine spezifisch portugiesische Entwicklung, sondern lässt sich als Form urbanen Wachstums mit den von Einwanderern aus Algerien und anderen Ländern des Maghreb besiedelten bidonvilles in Paris der 1960er-Jahre vergleichen. Im Unterschied zu diesen lebten in den Barackensiedlungen Lissabons nach dem Ende der Kolonialzeit jedoch eingewanderte Schwarze Bevölkerungsgruppen Tür an Tür mit den ebenso armen, weißen Migrantinnen aus dem portugiesischen Umland.

„Kolonial“ ist das Anwachsen der Lissaboner Barackensiedlungen allerdings auch in anderer Hinsicht: In einigen dieser Siedlungen lebten Menschen, die vor ihrer Einwanderung nach Lissabon als so genannte „Vertragsarbeiter“ (in Wirklichkeit: Zwangsarbeiter) auf den Plantagen in São Tomé und Príncipe gearbeitet hatten oder die kolonialen Polizeikräfte unterstützen mussten. Andere wiederum waren vom portugiesischen Militär im Kampf gegen die afrikanischen Befreiungsarmeen rekrutiert worden (Ascensão, 2003). Ihr Status als Unterdrückte des portugiesischen Imperiums setzte sich nun auf andere Weise in der postimperialen Stadt fort.

Selbst ihre Nachkommen waren lange von einer vollwertigen Staatsbürgerschaft in Portugal ausgeschlossen. Obwohl sie in Portugal geboren waren, machte sie das Staatsbürgerschaftsrecht Portugals, das auf dem Prinzip der Abstammung (jus sanguinis) basiert, formal zu Ausländer*innen, auch wenn sie ihr Herkunftsland nie gesehen hatten. Anstelle der üblichen gelben Ausweise wurden sie mit blauen Ausweisen ausgestattet. Die räumliche wie gesellschaftliche Trennung verlief parallel zu einem Prozess zunehmender Ausgrenzung und Stigmatisierung derjenigen „in den Baracken“, die sich einfügten in einen bereits existierenden, umfassenderen Prozesses der Definition einer Staatsbürgerschaft zweiter Klasse für alle afrikanischen Migrant*innen (Batalha 2004, Fikes 2009).

Unterdrückte Freiheit und Kosmopolitismus

Auf der anderen Seite eröffnete das Leben in informellen Siedlungen auch ein gewisses Maß an Freiheit durch die Möglichkeit der Weitergabe und Fortführung kultureller Traditionen, etwa der kapverdischen Praxis des djunta mon (sich gegenseitig zur Hand gehen), die oft zum Einsatz kam, um etwa neuen Bewohner*innen beim Bau ihrer Baracken zu helfen.

Bewohner*innen treffen sich an einer gemeinschaftlichen Wasserstelle 1990. Foto: © Padre Valentim Gonçalves

So entstanden trotz vieler Einschränkungen eigenständige Architekturformen von hoher handwerklicher Qualität: Nicht nur, dass kaum Baumaterial zur Verfügung stand, sondern die Hütten oder Häuser mussten auch möglichst rasch errichtet werden, um bei Kontrollen der Stadtverwaltung nicht aufzufallen und wieder abgerissen zu werden.

Ein Bewohner präsentiert stolz den Wassertank seines Hauses 1990. Foto: © Padre Valentim Gonçalves

Der Kizomba- und Funaná-Musiker Kotalumy vor der Tür seines Hauses und bei einem Konzert der Gulbenkian-Stiftung 2008. Fotos: © Eduardo Ascensão / Programa Escolhas

Die vielleicht sichtbarste Form kultureller Aktivitäten zeigte sich in synkretistischen Musikformen, die in einigen dieser Viertel entstandenen und später Eingang in den gesellschaftlichen Mainstream fanden. 
In der Tat lässt sich sagen, dass sich in vielen Barackensiedlungen dieser Zeit ein multiethnischer und vielkultureller Lebensstil entwickelte, was aber nicht bedeutet, dass diese Menschen ihre benachteiligte Position in der portugiesischen Gesellschaft verlassen hätten. Vielmehr verfestigten sich prekäre Wohn-, Arbeits- und Einkommensverhältnisse.
Bewohnerin einer Barackensiedlung und ihre Tochter vor der Tür ihres Hauses, 2008. Foto: © Eduardo Ascensão

Gemeinsame Kämpfe und Stigmatisierung

Im Lauf der Jahre setzten sich viele Initiativen der Bewohner*innen für Verbesserungen in ihren Quartieren ein. Es gab Zeiten intensiven Engagements, gefolgt von Phasen der Passivität, in denen die Quartiere verfielen, abhängig davon, wie lokale Behörden reagierten oder sich die Bewohner in ihrem Kampf um menschenwürdige Wohnverhältnisse gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen einsetzten. Etwa gegenüber jener Gruppe, die zwar ohne Baugenehmigung, aber auf legal erworbenem Land illegale Siedlungen errichtet hatten, die später den Status des „illegal entstandenen Baugebiets“ (Áreas Urbanas de Génese Ilegal), erhielten. Dieses Rechtskonstrukt unterscheidet die illegal entstandenen Baugebiets von den Barackensiedlungen. In den illegal entstandenen Baugebiets kam es zu einer Regulierung der Eigentumsverhältnisse und dem Aufbau von Infrastruktur, während es bei den Barackensiedlungen oft hieß, dass der Bau von Infrastruktur sich nicht lohne, da sie ohnehin abgerissen werden würden.

In einigen dieser Siedlungen hatte die katholische Kirche großen Einfluss. So entschieden sich einige Missionar*innen dafür, bei den von ihnen „betreuten“ Armen zu leben. Dieser Einfluss führte zwar zuweilen zur Befriedung von Konfliktsituationen mit den Stadtverwaltungen, schadete jedoch auch den Bewohner*innen. So begann der portugiesische Staat Anfang der 2000er-Jahre über das Programa Escolhas des Hochkommissariats für Migration, Aktivitäten für Jugendliche in diesen Vierteln zu unterstützen, was den unerwünschten Nebeneffekt hatte, dass so die Siedlungen zu „Problemviertel“ abgestempelt wurden. 

Am Tag einer Wahlinformatinoskampagne 1991. Foto: © Padre Valentim Gonçalves

Als Schwarze Person in einer Barackensiedlung zu leben galt in der übrigen Gesellschaft als Makel. Das zeigte sich etwa darin, dass viele es vorzogen bei Bewerbungen um eine Arbeitsstelle die Anschrift eines nicht im eigenen Viertel lebenden Bekannten anzugeben oder Ortsbezeichnungen zu wählen, die das eigene Quartier nicht direkt bezeichneten (etwa Buraca statt Cova da Moura).

Registrierung, Abriss und Vertreibung

1993 wurde das Umsiedlungsprogramm Programa Especial de Realojamento (PER) ins Leben gerufen. Es zielte darauf, die bestehenden Barackensiedlungen aufzulösen und durch finanzielle Förderung den Bau, Erwerb oder die Anmietung von Wohnraum zu unterstützen und Familien und Einzelpersonen die Umsiedlung zu ermöglichen. Ebenso wurden im Rahmen dieses Programms Renovierungen von Häusern gefördert, die bereits im Besitz der Begünstigten waren, oder von leer stehenden Gebäuden.

Die Einführung dieses Umsiedlungsprogramms führte jedoch letztlich zu einem neuen Aspekt der „Kolonialität“ in der Beziehung von Staat und Bewohner*innen der Barackenviertel und zu Mechanismen sozialer Kontrolle und Überwachung (Cachado 2013). 

So hatte sich bei der Umsetzung des Programms die Erfassung und Registrierung der Bevölkerung als Problem herausgestellt. Diese statistische Grundlage basierte auf einer Erhebung der Anzahl der Familienmitglieder aus dem Jahr 1993, was bedeutete, dass Personen, die nach dem Stichtag in das Quartier gezogen waren, nicht berücksichtigt wurden, auch wenn sie schon länger dort wohnten. So kam es in den Quartieren wiederholt zu Räumungen, die zwar geltendem Recht entsprachen, aber von den Bewohner*innen als Gewalt wahrgenommen wurden, da sie ihre einzige Unterkunft verloren. Manchmal wurden bei diesen Aktionen einzelne Häuser, manchmal ganze Teilbereiche der Siedlungen zerstört (Ascensão 2015, Pozzi 2017).

Ein Polizist überwacht einen Abriss gegen den Widerstand des Bewohners. Foto: © Eduardo Ascensão
Das gleiche Haus nach dem Abriss 2008. Foto: © Eduardo Ascensão
Umsiedlungen (grüne Linien) von Barackensiedlungen (rote Punkte) in Neuansiedlungen (blaue Punkte). Quelle: IHRU 

Die Umsiedlung war für viele Bewohner*innen mit dem Umzug in weiter entlegene Wohnbausiedlungen oder mit dem Auseinanderreißen etablierter Gemeinschaften verbunden, da ehemalige Nachbarn auf unterschiedliche Gegenden verteilt wurden. Diese rigide Form der Umsetzung und der räumlichen Zersplitterung weist Elemente eines Konzeptes auf, das der Philosoph Michel Foucault als Bumerang bezeichnet hat: Die Kontrollmechanismen kolonialer Stadtplanung werden in einer Art Binnenkolonialismus in die Metropolregionen imperialer Hauptstädte importiert. Oder wie der Geograf Stephan Graham es ausdrückt: „Neue Ideen und Techniken zur Kontrolle problematischer Quartiere oder Bevölkerungsschichten; das Erfassen, Disziplinieren und Festsetzen von Individuen; der Umgang mit Krankheit, Hygiene und Bildung sowie das Regieren, Zählen und das Erheben von Daten ganzer Bevölkerungsteile, all das war beeinflusst von der kolonialen Erfahrung und wurde [in den Raum der früheren Metropole] übertragen“ (Graham 2012: 38).

Allerdings waren Trennung, Abriss und Zerschlagung Teil eines Kontextes, der längst nicht mehr kolonial war. Lissabon war zwischen 1975 und 2010 zwar eine postimperiale Stadt, agierte aber aus der Sicht der betroffenen Menschen nicht post- oder dekolonial. Auch nach ihrer Migration blieb ihr Platz in der Gesellschaft und ihre Subjektivität weiterhin einer Vergangenheit verhaftet, in der sie kolonialisierte Subjekte waren.

Die Erinnerung an diese Geschichte aufrecht zu erhalten, die in der Geschichte des demokratischen Portugals kaum sichtbar ist, heißt nicht, Armut und Unterdrückung zu glorifizieren. Es geht vielmehr im ersten Schritt darum, diese Geschichte anzuerkennen, um eine Fortsetzung in anderer Ausprägung zu vermeiden und Veränderung zu ermöglichen.

Dezember 2020

Übersetzung: Michael Kegler

 

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Bibliografie

Ascensão, E. (2013) ‘A Barraca Pós-colonial: Materialidade, memória e afeto na arquitectura informal’, in Nuno Domingos / Elsa Peralta (Hrsg.) Cidade e Império: Dinâmicas coloniais e reconfigurações pós-coloniais, Lissabon: Edições 70, s. 415-62.

Ascensão, E. (2015) ‘Slum gentrification in Lisbon, Portugal: displacement and the imagined futures of an informal settlement’. In L. Lees L, H. B. Shin / E. López-Morales (Hrsg.) Global Gentrifications: Uneven Development and Displacement, Bristol: Policy Press, s. 37-58.

Batalha, L. (2004) The Cape Verdean diaspora in Portugal: colonial subjects in a postcolonial world, Lanham: Lexington Books.

Cachado, R. (2013) ‘O registo escondido num bairro em processo de realojamento: o caso dos hindus da Quinta da Vitória’, Etnográfica, 17, 3: 477-499.

Fikes, K. (2009) Managing African Portugal: The Citizen-Migrant Distinction, Durham: Duke University Press.

Graham, S. (2012) ‘Foucault’s boomerang: the new military urbanism’, Development Dialogue, 58: 37-48.

Pozzi, G. (2017) ‘Cronache dell’abitare. Pratiche di costruzione informale e rialloggiamento forzato nel quartiere Santa Filomena (Lisbona)’, Antropologia , 4, 1: 49-69.litary urbanism’, Development Dialogue, 58: 37-48.