Beatriz Gomes Dias

© Hugo Curado

Beatriz Gomes Dias
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„Der antirassistische Kampf problematisiert die koloniale Konfiguration der Stadt.“

Interview: Marta Lança, 2020

Welcher koloniale Erinnerungsort oder Ort des antikolonialen Widerstands ist für Sie der markanteste in der Stadt Lissabon?

 

Das Haus der Studentenvereinigung des Imperiums (Casa dos Estudantes do Império)! Dort trafen sich antikolonialistische Aktivisten und bildeten sich politisch. Das ist unter verschiedenen Aspekten interessant: Das Haus, das als Haus des Imperiums bezeichnet wurde, wurde von Studierenden aus den besetzten afrikanischen Ländern frequentiert. Dort lebten sie alle Ideen, die sie aus ihren damals kolonisierten Ländern mitbrachten, und dachten über Wege und Strategien nach, mit denen man den Kolonialismus besiegen, die koloniale Herrschaft anfechten und die Freiheit, für die damals von Portugal besetzten Gebiete erlangen könnte.

Es wäre interessant, an die Konzepte von Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu erinnern, die diese Protagonisten und anonymen Bürger voranbrachten. Und daran, wie ihre Politisierung im Austausch mit anderen Studierenden aus Guinea-Bissau, São Tomé und Príncipe, Angola, Kap Verde und Mosambik entstand.

Aus der Synergie dieser Menschen aus unterschiedlichen besetzten Territorien entwickelten sich ein emanzipatorischer Kampf, Widerstand und Denkmodelle für die Befreiung ihrer Länder. Es wäre wichtig, die Genealogie dieses Prozesses und der literarischen Veröffentlichungen, die in dieser Zeit entstanden, nachzuzeichnen.

Es ist sehr interessant, darüber nachzudenken, wie der Antikolonialismus in der Hauptstadt des Kolonialreiches entwickelt und von dort aus verbreitet wurde. Und wie er von Protagonist*innen verwirklicht wurde, die einer intellektuellen Minderheit angehörten. Nur einige wenige von ihnen hatten Stipendien und dadurch die materielle Absicherung, um sich diesem Denken widmen zu können. Dennoch spielten sie eine zentrale Rolle in den Befreiungskämpfen. Es ist wichtig, an diese Erfahrung und an den Beitrag dieser Menschen zum heroischen Kampf des afrikanischen Volkes, um Freiheit von Unterdrückung und Ausbeutung zu erinnern.

Der antirassistische Kampf hat zum Ziel, diese koloniale Konfiguration der Stadt zu problematisieren, die koloniale Praktiken reproduziert.“
Wie könnte das Vermächtnis dieser Ursprünge des antikolonialen Kampfes in die Gegenwart gebracht werden?

 

Wir sollten all diese Denker aus der Unsichtbarkeit holen, sowohl die Vordenker als auch die anonymen Menschen, die Teil des Befreiungskampfes waren. Ich messe auch der Erinnerung an die Konzepte große Bedeutung bei, wobei performative Projekte eine Rolle spielen können. Stellen Sie sich vor, man würde in der Casa dos Estudantes do Império ein Gedicht von Alda Espírito Santo lesen oder Texte von Amilcar Cabral in den Räumlichkeiten, die er in Lissabon besucht hatte, und auch die schriftlichen Hinterlassenschaften von Mário Pinto de Andrade und Eduardo Mondlane neu interpretieren und sie in den öffentlichen Räumen der Stadt vortragen. Man könnte im Rahmen einer künstlerischen Performance einige Straßen, die von diesen Menschen durchquert wurden, umbenennen und dann in diesem Raum, wo die Namen aller Denker versammelt sind, ein Kunstwerk ausstellen. Es ist wichtig, ihre Namen zu nennen. Denn es gibt eine tiefgreifende Verdrängung und ein Unsichtbarmachen des antifaschistischen und antikolonialen Kampfs der Personen, die aus den besetzten Ländern kamen.

Gut wäre es auch, ein Stück des Teatro do Oprimido (Theater des Unterdrückten) vor dem Haus der Studentenvereinigung des Imperiums aufzuführen, in dem die Diskussionen zur Sprache kommen, die durch sie entfacht worden sind. Dabei sollten wir den Geist des Kollektivs mitbringen, denn sie entwickelten ihren Aktivismus kollektiv, indem sie ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Strategien teilten. Wir sollten auch die Gedichte von Alda Espírito Santo wiederentdecken.

Viele dieser Treffen fanden im Haus von Alda do Espírito Santo statt.

 

Dieses Haus war auch ein Ort der Rekrutierung für den antikolonialen Kampf. Die Nutzung von Begegnungsräumen für die Rekrutierung und Mobilisierung für den Kampf gegen den Kolonialismus war eine Strategie, um der permanenten Überwachung durch die politische Polizei zu entkommen.

Es ist wichtig, die Genese der Unabhängigkeitsbewegung, die in Lissabon eine sehr wichtige Rolle gespielt hat, und die Rolle des antikolonialen Kampfs für den Zusammenbruch des Faschismus in Portugal zu benennen, da diese im öffentlichen und politischen Diskurs kaum präsent sind. Die Freiheit des portugiesischen Volkes begann auch mit dem Kampf für die Freiheit des afrikanischen Volkes.

Womit könnte der antifaschistische und antikoloniale Kampf noch sichtbar gemacht werden?

 

Man könnte das Museum des Widerstands in Peniche um einen Schwerpunkt zu antifaschistischen und antikolonialen Widerstandskämpfern ergänzen, die von den 40er bis 60er Jahren in Portugal lebten. So könnte der Zusammenhang zwischen der Befreiung der besetzten Territorien, dem antifaschistischen Kampf und dem 25. April 1974 deutlich gemacht werden. Man könnte über ein Manifest nachdenken, das die Regierung auffordert, den Nachlass aus dem Haus der Studentenvereinigung des Imperiums und der antikolonialen Kämpfer in Peniche unterzubringen, um ihn bekannt zu machen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Struktur der Stadt, ihrer manifesten Segregation und dem antirassistischen Kampf?

 

Der antirassistische Kampf zielt darauf, diese koloniale Konfiguration der Stadt zu problematisieren, die koloniale Praktiken reproduziert. Die bestehende territoriale Segregation stellt eine koloniale Kontinuität dar. Wir stellen fest, dass diejenigen, die die Stadt bauen und reinigen, kein Recht auf die Stadt haben. Sie können die Stadt beanspruchen, um zu arbeiten, aber sie können die Stadt nicht beanspruchen, um dort zu leben, sie zu genießen oder sich zu erholen.

Lange Zeit lebten diese Menschen in selbstgebauten Vierteln, in jeglicher Hinsicht vergleichbar mit der Struktur der Kolonialstadt: auf der einen Seite die Stadt des Asphalts, urbanisiert, auf der anderen Seite die Stadt der "Musseques". Es gab Extremfälle wie den von Guinea-Bissau, wo an einer Glocke, dem sogenannten „Blech von Bissau“, geläutet wurde, um diejenigen, die als „Indigene“ galten, dazu aufzufordern, die erbaute Stadt zu verlassen.

Und wenn wir uns Lissabon anschauen, sehen wir am frühen Morgen die Pendlerbewegung ins Stadtzentrum. Es sind diejenigen, die kommen, um die Stadt zu bauen, zu reinigen, dieselben Menschen, die den Reichtum der Stadt aufgebaut haben und die während der Pandemie diejenigen waren, die nicht aufhören konnten.

Am Ende des Tages verlassen diese Menschen die Stadt wieder in Richtung der Peripherie. Wir sehen dies auch an der Frequenz der öffentlichen Transportmittel, die viel häufiger in den frühen Morgenstunden aus der Peripherie in Richtung Stadtmitte fahren und am Ende des Tages, bis 21 Uhr, um die Arbeiter in die Peripherie zurückzubringen, während die Verbindungen in die entgegengesetzte Richtung, bereits um 19:30 Uhr enden, sodass die Menschen die Peripherie nicht mehr verlassen können.

Das Recht auf die Stadt gilt nicht für alle...

 

Wir sehen das etwa am Beispiel der jungen Afro-Nachfahren auf der Demonstration vom 21. Januar, die mit Gummigeschossen zurückgedrängt wurden. Das war eine unmissverständliche Erklärung, dass diese Menschen kein Recht auf die Stadt haben, dass sie sich im Stadtzentrum nicht als Staatsbürger äußern können. Die territoriale Segregation reproduziert die Kolonialstadt. Der Antirassismus will diese Verteilung der Menschen in der Stadt problematisieren und das Recht auf die Stadt einfordern, indem wir sie mit unseren Schwarzen Körpern besetzen. Es ist wichtig, über diese kolonialen Kontinuitäten nachzudenken, über die Art und Weise, wie die Organisation der Stadt den Menschen, die als Ausländer gelten und nicht zum nationalen Sozialgefüge gehören, den Genuss der Stadt erschwert.

Und wie könnten diese Tausende von Menschen geehrt oder besser noch anerkannt werden?

 

Ich habe viel über Erinnerungsarbeit, über die Geschichtsdebatten und die historischen Figuren des öffentlichen Gedächtnisses nachgedacht. Ich denke, es ist wichtiger, an Konzepte des Antirassismus, der Freiheit, der Gleichheit und der Gerechtigkeit zu erinnern. Wir können diese Arbeiter, die nicht im Zentrum stehen, ehren, indem wir eine Debatte über die Menschen, die Schwarzen Körper, die die Stadt aufgebaut haben, führen. Diese Debatte wird sehr wichtig sein, um die Unsichtbarkeit dieser Menschen zu durchbrechen und daran zu erinnern, dass der Reichtum dieser Stadt auf der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft beruht.

Mit Hilfe der darstellenden Künste, zum Beispiel mit dem Theater der Unterdrückten, dem Stück „Maria 28“, das von den Haushälterinnen handelt und von den Arbeitern, die die Stadt, das Parlament, die Büros und Krankenhäuser sauber halten. Wir müssen die Menschen nach ihren Vorstellungen fragen, nach den Lebensbedingungen derer, die diese Arbeit tun. Ein Theaterstück, das die Menschen herausfordert, einen tieferen Dialog über missachtete, ausgeschlossene Leben zu beginnen, um so die Kontinuitäten zwischen dem Sklaverei- und Kolonialprojekt und der Ausbeutung und Prekarität von Arbeit aufzudecken.

DJASS hatte durch das Projekt Memorial às Pessoas Escravizadas (Mahnmal zu Ehren der versklavten Menschen) große Bedeutung in der Debatte über die Erinnerungspolitik für die Stadt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen und wie hat sich dieses Projekt in die größere Debatte einfügt?

 

Das Mahnmal zu Ehren der versklavten Menschen, eine Initiative von DJASS im Rahmen des Partizipativen Haushalts von Lissabon, schrieb unauslöschlich eine Gegenerzählung in die öffentliche Debatte ein, die das hegemoniale Narrativ der Verherrlichung der Entdeckungen in Frage stellt. Die Debatte über das Gedenkstättenprojekt fiel mit einer Diskussion über die Schaffung eines Museums der Entdeckungen zusammen, einem Vorschlag des Wahlprogramms der Sozialistischen Partei PS bei den Stadtratswahlen von Lissabon.

Mit der Präsentation dieses Vorschlags, der den versklavten Menschen Ehre erweist, ihnen Subjektivität und Menschlichkeit verleiht und die besondere Rolle anerkennt, die Portugal beim Handel mit versklavten Menschen spielte, haben wir die andere Seite eingeschrieben und die portugiesische Gesellschaft gezwungen, ihre Antwort in Frage zu stellen. Wir konnten die Bedingungen der Debatte beeinflussen, indem wir eine Gegenerzählung durchsetzten, die besagt, dass die Geschichte, die wir im öffentlichen Raum erzählen, nicht vollständig ist, wenn wir nicht die Geschichte der Schwarzen, der Gewalt und des zeitgenössischen Rassismus erzählen, der sie aus dem nationalen sozialen Gefüge herauslöst. Wir stellen uns portugiesischen Identitätsmythen entgegen, wie dem Mythos des guten Kolonisators, dem Lusotropikalismus oder der Phantasie, dass Portugal für die Mischung sogenannter „Rassen“ prädestiniert wäre. Zu erkennen, dass wir uns die Schultern derjenigen stützen, denen es gelungen ist, sich die Welt ohne Sklaverei, ohne Kolonialismus vorzustellen, um uns zu erheben und uns die Welt ohne Rassismus vorzustellen.

Wie könnte im öffentlichen Bewusstsein Portugals seine Rolle als versklavendes und koloniales Land stärker verankert werden?

 

Die Stadt Lissabon war 2017 unter dem Vorsitz von António Pinto Ribeiro iberisch-amerikanische Kulturhauptstadt. Im Rahmen des Projekts „Zeugnisse der Sklaverei“ wurden Führungen zu Orten der Erinnerung an die Sklaverei organisiert. Dieser Rundgang in der Stadt Lissabon hebt Orte afrikanischer Präsenz in der Stadt hervor, doch das Skript muss verändert werden, denn die übermittelte Erzählung entzieht den versklavten Menschen weiterhin jede Subjektivität. Wir lernen ihre Lebenserfahrungen nicht kennen. Ihre täglichen Kämpfe, ihre Subjektivität bleiben ebenso außen vor wie ihre Fähigkeit, ihre Gegenwart zu lesen und die Zukunft zu entwerfen und aufzubauen. Und das muss in die Erzählungen über die Stadt einfließen. Die Menschen waren keine passiven Wesen ohne Subjektivität. Sie wurden 
nicht nur von anderen gesteuert. Sie verfügten über die Fähigkeit, zu handeln, einzugreifen und an der Gemeinschaft, deren Teil sie waren, aktiv teilzuhaben
, und dies muss in die Geschichte der Stadt, in die Geschichte des Widerstands und der Gemeinschaftsbildung eingebracht werden.