Spuren des Imperiums in der Stadt Lissabon

© Francisco Vidal

Spuren des Imperiums in der Stadt Lissabon

Die koloniale Vergangenheit hat im gesamten öffentlichen Raum Portugals ihre Spuren hinterlassen, besonders in der Stadt Lissabon, der ehemaligen Hauptstadt des Imperiums. Diese Spuren erstrecken sich bis in das postkoloniale Zeitalter, in welchem dem kolonialen Imperium neue Bedeutung zukommt – sei es als Ort des Gedenkens nationaler Identität oder als Ort der Anfechtung dieser Identität durch die Einforderung einer gerechteren und pluralistischeren Erinnerung an die koloniale Vergangenheit. 

Elsa Peralta
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Die urbane Landschaft Lissabons ist von der Erinnerung an das koloniale Imperium durchdrungen. In ihrem physischen Raum konzentriert die Stadt symbolische und materielle Elemente einer spezifischen Historizität, die mit den maritimen Expansionen und dem portugiesischen Kolonialreich verbunden ist. Diese Geschichtlichkeit spiegelt sich sowohl in der gelebten Stadt wider als auch in ihren Repräsentationen. Sie ist in das bauliche Erbe der Stadt eingeschrieben, in ihre Denkmäler, Museen und Gedenktafeln, in ihre räumliche Organisation und in die exotischen Besonderheiten ihrer Architektur. Auf weniger explizite Weise in der alltäglichen Präsenz von Menschen aus den ehemaligen Kolonien (oder deren Nachkommen), aber auch  Nahrungsmitteln allgegenwärtig.

Unsichtbar hallt sie auch an scheinbar erinnerungsleeren Orten wider, an Orten, in denen die Erinnerung nicht sichtbar eingeschrieben ist, wie etwa am Cais Rocha do Conde de Óbidos im Stadtviertel Alcântara. Tatsächlich fand dort zuerst der rege Transport der Kolonisatoren zwischen Portugal und Afrika statt, dann stachen von diesem Kai aus militärische Truppen in See oder kamen von dort zurück. Schließlich deponierten dort sogenannte Retornados („Rückkehrer“) Tausende von Kisten mit dem Raubgut des Imperiums. Zuweilen explizit, manchmal weniger greifbar formt die Erinnerung an das portugiesische koloniale Imperium das Imaginäre der Stadt Lissabon als ehemalige Kolonialhauptstadt, die sich heute als postkoloniale Weltstadt versteht.

Die imaginären Geografien des Imperiums

Vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Erinnerung an die Expansion und die imaginären Geografien des Imperiums durch Denkmäler, Straßennamen oder Statuen in die symbolische Landschaft Lissabons eingeschrieben. 1860 beginnen die Restaurierungsarbeiten  des Mosteiro dos Jerónimos (Hieronymitenklosters), das nach der Fertigstellung im Jahr 1910 zum nationalen Kulturerbe erklärt wird. 1867 wird die Statue des portugiesischen Dichters Luís de Camões [1] auf einem Platz aufgestellt, der seitdem nach dem Nationaldichter benannt ist. Im Stadtviertel Belém wird 1880 im Rahmen der Feierlichkeiten zum dreihundertsten Todesjahr von Luís de Camões die Praça Dom Vasco da Gama (Dom-Vasco-da-Gama-Platz) geschaffen; 1901 wird ein neuer Platz und Garten angelegt, der nach dem Vizekönigs und Gouverneur von Portugiesisch-Indien Afonso de Albuquerque benannt wird. Zeitgleich fanden in mehreren Bezirken der Stadt Neubenennungen von Straßen statt, die mit Expansion oder kolonialen Eroberungen verbunden waren, wie etwa die Straßen Capelo, Ivens und Serpa Pinto.

Die Glorifizierung des Imperiums

Aber erst in der Zeit Estado Novo des materialisiert sich in Lissabon eine wahrhaft monumentale Glorifizierung des Imperiums, insbesondere aus Anlass der Ausstellung der Portugiesischen Welt 1940 (Exposição do Mundo Português). Die Ausstellung wurde um ein großes Gartenareal herum, die Praça do Império (Platz des Imperiums), angelegt. Ihr ging eine monumentale und städtebauliche Neuordnung des Westteils der Stadt voraus, die bleibende Spuren im Stadtbild hinterlassen hat.

Das autoritäre Regime von Salazar agierte auch hinsichtlich der städtischen Toponymie rigoros. Ziel war, die Erinnerung an das koloniale Imperium tief in die Stadt einzuschreiben. Im Jahr 1933 wurden die Straßen des neu in der Stadtmitte geschaffenen Viertels Bairro das Colónias (Viertel der Kolonien) nach portugiesischen Kolonien benannt. So entstanden die Straßen von Angola, der Kapverden, der Inseln von Príncipe und São Tomé, Macaus, Mosambiks, von Timor und Zaire.

Obwohl dieses Viertel nach der Nelkenrevolution am 25. April 1974 offiziell in Bairro das Novas Nações (Viertel der Neuen Nationen) umbenannt wurde, wird es umgangssprachlich weiterhin Bairro das Colónias genannt und ist somit bleibender Teil der imaginären Geografien des Imperiums. Gleichzeitig verbreitet sich das Koloniale immer weiter im städtischen Raum Lissabons durch eine institutionelle Semantik bei der Benennung von Schulen, Einrichtungen und institutionellen Gebäuden.

Hieronymitenkloster und Platz des Imperiums, Lissabon, 1954. Foto: Mário Novais, © Kunstbibliothek/Stiftung Calouste Gulbenkian

Neuartikulation der kolonialen Erinnerung

Nach dem Ende des Estado Novo im Jahr 1974 und der folgenden raschen Dekolonisierung wurde begleitend zur demokratischen Stabilisierung des Landes auch die Erinnerung an das Imperium im nationalen öffentlichen Raum neu artikuliert. Der Staat unternahm enorme Anstrengungen, die portugiesische maritime Expansion durch die Aktivitäten der 1986 gegründeten Kommission zum Gedenken an die portugiesischen Entdeckungen erneut zu legitimieren. Diese fanden ihren Höhepunkt 1998 in der Weltausstellung in Lissabon zum Thema der Ozeane.

Wie die Ausstellung von 1940 umfasste die so genannte Expo'98 nicht nur eine internationale Ausstellung, sondern auch ein ehrgeiziges Stadterneuerungsprojekt im Ostteil von Lissabon. Nach dem Ende der Expo wurde das Viertel in Parque das Nações (Park der Nationen) umgetauft und seine Straßen nach portugiesischen Seefahrern oder in Anlehnung an das ehemalige Imperium benannt. Die gesamte Komposition des Raumes mit Theatern, Brücken, Schulen und Straßen, deren Namen auf die sogenannten Entdeckungen rekurrieren, sollte eine starke Nähe zum alten Imperium evozieren.

Kosmopolitische Erinnerungskulturen und alte imperiale Mythen

Die Fragen der nationalen Identität wurden also neu verortet, um auf die Anforderungen der Konsum- und Freizeitindustrie, allen voran des Tourismus, zu reagieren. Sie bilden zunehmend kosmopolitische Erinnerungskulturen, die sich aus alten imperialen Mythen speisen. Diese Diskurse hinterlassen ihre Spuren auch in Prozessen der Stadterneuerung wie im Bairro da Mouraria (ehemaliges Maurenviertel) und den Plätzen Martim Moniz und Intendente, die auf Vorstellungen der Vielfalt und der Interkulturalität beruhen, die der Tourismusindustrie, der städtischen Gentrifizierung und der Konstruktion eines kosmopolitischen Bildes von Lissabon dienen.

Für eine neue Erinnerungskultur

Die sozialen und materiellen Spuren des Kolonialismus im Stadtraum von Lissabon gehen somit weit über das offizielle Ende des Kolonialismus hinaus. Lissabon ist heute eine globale Stadt, aber sie hat die räumlichen und sozialen Strukturen geerbt, die durch den Kolonialismus geprägt wurden. Diese beeinflussen auch in postkolonialen Zeiten die Konstruktion und Aufrechterhaltung des Narrativs portugiesischer nationaler Identität. Aber dieser Prozess ist nicht starr oder unveränderlich. Im Sog der globalen Dekolonisierungsbewegungen gewinnen Aktionen antihegemonialer Erinnerungskultur auch in Portugal an Stärke. Dazu tragen in großem Maße die Arbeiten von Intellektuellen, Kunstschaffenden und Journalisten bei, aber auch die Vereinigungen afrikanischer Nachkommen, die angesichts ihres Ausschlusses aus den großen Erzählungen der Geschichte zunehmend eine gerechtere und inklusivere Erinnerung an die nationale Vergangenheit einfordern.
Diese Bewegung manifestiert sich in Lissabon immer mehr in massiven Protesten, etwa 2017 gegen die Gründung eines Museums der Entdeckungen oder gegen die Pater-António-Vieira-Statue, aber auch in Aktionen, die auf eine gerechtere und pluralistischere Darstellung der Geschichte abzielen, wie zum Beispiel die Errichtung eines Mahnmals zu Ehren der versklavten Menschen am Platz Campo das Cebolas. 

Re-Descoberta. Foto: © Kiluanji Kia Henda 2007

Im symbolischen Raum von Lissabon prägen die Mythen des Imperiums, die von aufeinander folgenden Regimen gewebt wurden, noch immer die Erfahrung der Stadt. Sie bestehen fort in den Denk- und Handlungsweisen der Politik, der Wirtschaft und in den sozialen Beziehungen. Langsam jedoch werden neue, hoffentlich vielschichtigere Interpretationen in das große Narrativ der portugiesischen Weltreichsnation aufgenommen. Im Zuge dieser langsamen Integration wird sich auch Lissabon verändern.
Übersetzung: Thomas Kaiser
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Fußnoten

[1] Luís Vaz de Camões gilt als einer der bedeutendsten Dichter Portugals und der portugiesischen Sprache. Sein Epos „Die Lusiaden“ ist ein maßgebendes Werk der Renaissance. Es beschreibt in Versform die idealisierte Geschichte Portugals. Protagonist des Werkes ist der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama, den Schwerpunkt der Handlung bildet die Schilderung des neu entdeckten Seewegs nach Indien. [Anm. d. Red.]