Nuno Simão Gonçalves

© Nuno Simão Gonçalves

Nuno Simão Gonçalves
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„Während der ‚Ausstellung der Portugiesischen Welt‘ stellten die Lissaboner Bürger die Afrikaner auf demütigende Weise als primitives, minderwertiges und untergeordnetes Volk dar.“

Interview: MARTA LANÇA

Welche Räume würden Sie wählen, um der Kolonialität im Großraum Lissabon zu gedenken?

 

Die Wahl fällt nicht leicht. Da Lissabon Hauptstadt des Imperiums war, verfügt sie über zahlreiche urbane Räume, die von imperialen und kolonialen Erinnerungen durchdrungen sind, angefangen bei den unzähligen Orten, die von der Sklaverei geprägt wurden. Meine Forschungsrichtung lenkt die Auswahl auf eine post-abolitionistische Chronologie, die zwischen der effektiven Besetzung des afrikanischen Kontinents durch die europäischen Kolonialmächte, die an der Berliner Konferenz teilgenommen haben, und der durch den 25. April diktierten Dekolonialisierung liegt.
Innerhalb dieser chronologischen Markierung, zwischen 1884 und 1974, gibt es zwei Ereignisse, die meiner Meinung nach dazu beigetragen haben, die Kolonialität im kollektiven Gedächtnis der „capital da Metrópole“ [1] zu festigen, von denen eines bis heute im Stadtraum eingeprägt geblieben ist. 

Was haben diese Ereignisse gemeinsam? 

 

Die Bekräftigung der Kolonialmacht und ihre Zurschaustellung vor den Bewohnern der Metrópole, wobei die Leistungen der kolonisierenden Helden und die Unterwürfigkeit der Kolonisierten hervorgehoben wurden. 

Was war das erste Ereignis?

 

Ngungunhanes erzwungener Aufenthalt in Lissabon vom 13. März bis zum 23. Juni 1896, während er auf das Urteil wartete, das sein Exil auf den Azoren anordnete. Zu dieser Zeit erlebte die portugiesische Hauptstadt Momente nationalistischer und kolonialer Begeisterung, die dazu beitrugen, die Demütigung des Ultimatums (1890) zu vergessen und das Bild der bestehenden konstitutionellen Monarchie zu festigen. Aber es gab auch kritische Stimmen, die die Gefangenschaft Ngungunhanes und seiner Gefolgschaft in Frage stellten und die abscheuliche Art und Weise beanstandeten, mit der die Mehrheit der Lissabonner Bevölkerung sie behandelte, insbesondere während des Transports der Gefangenen vom Marinearsenal zum Fort Monsanto und bei ihrer Rückkehr, hundert Tage später, als sie an Bord eines Schiffs auf die Insel Terceira gebracht wurden. Paraden, die an den Transport der Sklaven durch die Straßen der Stadt erinnerten, wenige Jahrzehnte zuvor. 

Und das zweite Ereignis?

 

Dieses Ereignis ähnelt dem ersten, denn obwohl es nicht so gewalttätig war, war es nicht weniger demütigend. Erneut wurden die Afrikaner den Lissabonnern vorgeführt, als wären sie primitive, minderwertige und niedriggestellte Völker. Während der Ausstellung der portugiesischen Welt, die 1940 in Belém stattfand, beschloss die Veranstaltungsorganisation, im Kolonialgarten (dem heutigen Tropischen Botanischen Garten) Nachbildungen afrikanischer Dörfer mit ihren Bewohnern aufzustellen, die direkt aus einigen portugiesischen Kolonien mitgebracht wurden. Der „menschliche Zoo“ sollte bei den Besuchern Gefühle der „rassischen“ Überlegenheit und kolonialen Legitimation hervorrufen, indem er die Afrikaner, die monatelang dort vorgeführt wurden, demütigte und erniedrigte. Einige von ihnen wurden krank und starben aufgrund der entwürdigenden Bedingungen, unter denen sie lebten.
Beide Ereignisse trugen zu dem systemischen Rassismus bei, der noch heute in der portugiesischen Gesellschaft präsent ist, indem sie die „rassischen“ Asymmetrien, die in den Kolonien zu spüren waren, in die Hauptstadt des Imperiums brachten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten nur die von der kolonialen Erzählung indoktrinierten Medien (Kino, Literatur, Zeitungen, Radio usw.) die Massen der Großstadt auf diese Art erreicht.

Und an welchem Ort materialisieren sich diese Ereignisse?

 

Ich wähle den alten Pier des Marinearsenals in der Nähe des Terreiro do Paço, an dem Ngungunhanes Gefolge 1896 vorbeikam, und den Tropischen Garten, den ehemaligen Kolonialgarten, in dem während der portugiesischen Weltausstellung 1940 afrikanische Menschen aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien „ausgestellt“ wurden.

Welchen Ort würden Sie wählen, um das Bewusstsein der Stadt für ihre Kolonialgeschichte zu stärken?

 

Das gesamte stadtplanerische Gefüge, das für die Ausstellung der portugiesischen Welt 1940 im Bereich von Belém neu gestaltet wurde, aufgrund der Bedeutung, die es für die Bekräftigung der kolonialen Erzählung und der „rassischen“ Überlegenheit in der portugiesischen Gesellschaft hatte, die noch heute im systemischen Rassismus eines großen Teils der Bevölkerung spürbar ist. Und aufgrund der negativen Auswirkungen, die dies auf die einst kolonisierten Völker hatte und bis heute hat.

Welchen Teil dieses urbanistischen Gefüges würden Sie hervorheben? 

 

Der Komplex besteht einerseits aus bereits vorher existierenden Orten, dem Hieronymitenkloster- und dem Turm von Belém, sowie andererseits aus den eigens für die Ausstellung errichteten und noch existierenden Bauwerken: dem „Platz des Imperiums“, dem „Denkmal der portugiesischen Entdeckungen“, dem Museum für Volkskunst und dem Kolonialgarten, dem heutigen Tropischen Garten. Ich hebe letzteren hervor.

Und wie würden Sie im Tropischen Garten an seine Geschichte erinnern? 

 

Ich schlage vor, dass an den Orten, an denen die Dörfer mit afrikanischen Völkern errichtet waren, innerhalb des heutigen Tropischen Gartens eine historische Kontextualisierung des Ereignisses stattfindet. Dafür könnten neue Technologien wie Augmented Reality eingesetzt werden, die über mobile Geräte (Mobiltelefone, Tablets usw.) zugänglich wären. Diese Geräte könnten auf eine georeferenzierte Online-Datenbank der verschiedenen Standorte zugreifen, über die der Besucher oder die Besucherin die verfügbaren Informationen über jeden Standort einsehen könnte. Die Informationen könnten in verschiedenen Formaten vorliegen, wie z.B. in Bildern, Videos, kürzeren Texten und sogar wissenschaftlichen Artikeln, um nur einige zu nennen. Dies würde es den Besucher*innen ermöglichen, einen breiteren Blick auf die Palimpseste zu werfen, die in diesen Orten enthalten sind, insbesondere auf ihre koloniale Vergangenheit und die damit verbundenen Erinnerungen.

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FUSSNOTEN

[1] Wörtlich übersetzt wäre es „Hauptstadt der Metropole“ – gemeint ist hier das „Mutterland“ Portugal im Gegensatz zu den sogenannten ehemaligen „Überseeprovinzen“ Portugals.