Daniel Kwame Manwire

© Anke Schwarzer

Daniel Kwame Manwire
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„Die Bernhard-Nocht-Straße empfinde ich persönlich als ‚Stachel im Fleisch‘“

Interview: Anke Schwarzer

Welche Orte und Räume in Hamburg kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die koloniale Geschichte und Gegenwart denken?

Zuerst natürlich Hagenbeck mit den „Völkerschauen“ und die Geschichte der Hamburger Universität als Kolonialinstitut. Aber für mich persönlich hat sich die Bernhard-Nocht-Straße mit dem sogenannten „Tropeninstitut“ sehr eingeprägt, weil ich mich darüber am meisten geärgert habe. 

Das mag auch daran liegen, dass ich fast zehn Jahre lang in der Bernhard-Nocht-Straße gewohnt und sie deshalb persönlich als „Stachel im Fleisch“ empfunden habe. Die koloniale Geschichte dieses Instituts und die seines Namens sind im öffentlichen Stadtraum überhaupt nicht präsent und spielen offenbar keine Rolle.

„Wenn man sich nicht ungebrochen in diese Kolonial- und NS-Geschichte stellen will, muss man inhaltlich irgendwann einen Bruch machen und reflektieren, wie es so weit kommen konnte.”
Könnten Sie erläutern, was es mit dem Bernhard-Nocht-Institut auf sich hat?

Meine Zugänge zum Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin sind mehrfach: Biographisch am weitesten zurück liegt der Umstand, dass ein Onkel dort in den 1970er Jahren arbeiten wollte, nachdem er sein Medizinstudium abgeschlossen hatte. Wegen rassistischer Anfeindungen auf St. Pauli und  den Schwierigkeiten eine Wohnung zu finden, ist er aber ins Rheinland gezogen. 

Den zweiten Kontakt mit dem Institut gab es für mich in den frühen 2000er Jahren, als ich minderjährige Geflüchtete begleitet habe, die ohne ihre Eltern in Hamburg lebten. Einige von ihnen waren, nicht zuletzt aufgrund der Umstände im Krieg in Sierra Leone, an Loiasis, verursacht durch den Wurm Loa loa, sowie an Bilharziose erkrankt. Wir mussten zur Behandlung ins Bernhard-Nocht-Institut – ins „Tropeninstitut“ – gehen. Es hat mich schon auch angefasst zu sehen, welche Bilder dort noch in den Fluren hingen – und, soweit ich weiß, bis heute da hängen! Zum Beispiel Fotos von Würmern, die aus Menschen, Schwarzen Menschen, herausgezogen werden. Es gab diesen Zusammenhang von einem Faszinosum „exotischer“ Erkrankungen und Schwarzer Menschen. Ich hatte damals kein gutes Gefühl dabei, den Jungen dort zu lassen, der stationär behandelt wurde, war aber natürlich froh, dass es ein spezialisiertes Krankenhaus hier in Hamburg gab. Aber das gesamte Gebäude hatte eine beklemmende, angestaubte Atmosphäre, die nicht gut war.

Wenige Jahre später ist es, und das wäre der dritte Zugang, ein Militärkrankenhaus geworden. Das war der Punkt, kurz bevor ich in die Bernhard-Nocht-Straße gezogen bin, an dem ich mich an den Rechner gesetzt und nachgeschaut habe, wer Bernhard Nocht eigentlich war. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Es bestätigte sich das, was ich als Fantasien zu dieser Institution ohnehin schon im Kopf hatte: Bernhard Nocht repräsentierte eine direkte personelle Verbindung vom Kolonialismus des Kaiserreiches zum Nationalsozialismus, zwei geschichtliche Phasen, die in Deutschland häufig unverbunden oder manchmal auch gegeneinander diskutiert werden. Bernhard Nocht war von 1900 bis 1930 Leiter dieses Instituts, das notwendig wurde, um die koloniale Expansion Deutschlands am Laufen zu halten. Deutschland hatte zu diesem Zeitpunkt ein ähnliches Problem wie andere Kolonialmächte: Sie wurden mit Krankheiten konfrontiert, die die koloniale Maschinerie beeinträchtigten. Um also erkrankte Soldaten und Händler wieder "zusammenzuflicken", wurde dieses Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten gegründet.  Auch, dass dort Kolonialärzte ausgebildet wurden, wird heute nicht kommuniziert.   

Der Link zum Nationalsozialismus ist, neben anderen Aspekten, dass Bernhard Nocht im November 1933 das „Bekenntnis deutscher Professoren zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ unterzeichnet hat, das unter anderem die Entfernung jüdischer und demokratischer Wissenschaftler bestätigte. Im Juni 1945 hat er sich suizidiert, weil er sich dem Aufbau einer neuen Gesellschaft, also der heutigen demokratischen Gesellschaft, nicht gewachsen sah. Das macht das Kontinuum antidemokratischer Haltungen aus dem Kaiserreich, aus dem Bernhard Nocht stammt, der Weimarer Republik mit ihren fortwährenden Kolonialträumen und dem Nationalsozialismus deutlich. Und bis heute wird dieser Mann mit einem Straßennamen und dem Institutsnamen geehrt. Es gibt sogar eine Bernhard-Nocht-Medaille für wissenschaftliche Verdienste in der so genannten Tropenmedizin!

Wie sollte Ihrer Ansicht nach die Stadt Hamburg oder auch das Institut selbst mit diesen kolonialen und nationalsozialistischen Hinterlassenschaften umgehen?

Mir ist es persönlich ein wichtiges Anliegen, dass diese Straße rück- oder umbenannt wird, denn ich finde, dass eine Straße, die nach einem „Chefkolonialarzt“ und bekennenden NS-Anhänger benannt ist, nicht angeht. Sie hieß früher Bernhard-Straße und liegt in einem Quartier, in dem die Straßen im 18. Jahrhundert schlicht nach Männervornamen benannt wurden. Man hat die Straße Mitte der 1920er Jahre, auch im Wissen um dessen koloniale „Verdienste“, zu Ehren von Bernhard Nocht, umbenannt. Also Rückbenennung in Bernhard-Straße, wie sie früher hieß oder von mir aus auch gerne Umbenennung in Sylvin-Rubinstein-Straße, benannt nach einem anderen Bewohner St. Paulis, der sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus sehr verdient gemacht hat.

Und jenseits des Straßennamens: Welche Möglichkeiten sehen Sie am oder im Institut, mit dieser kolonialen Geschichte und Gegenwart und auch mit der Verstrickung in den Nationalsozialismus umzugehen?

Das müsste  aufgearbeitet werden, und es irritiert mich sehr, dass es dafür offenbar keine Initiative aus dem Institut heraus gibt. Auch dass diese Institution heute ein Militärkrankenhaus ist, weil sich das deutsche Militär bei den Interventionen in Ländern des globalen Südens vor ähnliche Probleme gestellt sieht wie die kaiserliche Armee, müsste  man sich  noch einmal genauer anschauen. Das ist aber eine Sache, die als Anwohner kaum zu leisten ist. Das müsste vom Institut selbst oder von der Wissenschaftsbehörde in die Wege geleitet werden. Sie müssten die NS-Verstrickungen und die kolonialen Verknüpfungen des Instituts aufarbeiten.

Wenn man sich nicht ungebrochen in diese Kolonial- und NS-Geschichte stellen will, muss man auch inhaltlich irgendwann einen Bruch machen und reflektieren, wie es so weit kommen konnte. Wo finden wir immer noch nationalsozialistisches und koloniales Denken in unserer Institution? Diese Reflexion und Aufarbeitung hat meiner Wahrnehmung nach noch nicht stattgefunden.   

„Die entsprechenden Behörden müssen die kolonialen Implikationen ihres Institutes, ihres Faches, grundlegend reflektieren."

Es kann nicht die Rolle von Schwarzen Anwohner*innen oder der Zivilgesellschaft sein, die Macht- und Rassismus-kritische historische Aufarbeitung dessen, was dort passierte und die Durchsicht der Dokumente und ihre kritische Würdigung, zu leisten. Ich kann als Schwarzer Anwohner nur darauf hinweisen – und das finde ich ärgerlich genug, dass ich Anfang der 2000er Jahre, gefühlt als einziger das Problem habe, dass dieses Kolonialinstitut immer noch nach jemandem benannt ist, der sich lieber das Leben nimmt, als den Aufbruch in eine demokratische Gesellschaft zu erleben. Das ist ein wirkliches Versäumnis und Versagen der Wissenschaftsbehörde, denn es  handelt sich um eine öffentliche Institution. 

Inwiefern sollte diese Aufarbeitung, wenn sie denn stattfindet, auch zu konkreten Veränderungen an dem Institut führen oder auch zu Veränderungen an dem Gebäude?

Das Bernhard-Nocht-Institut ist ein Ort, an dem sich kritisches Erinnern an den Nationalsozialismus mit dem an den Kolonialismus verknüpft. Und es gilt auch, den deutschen Militarismus angesichts der Tatsache, dass es ein Militärkrankenhaus ist, sehr kritisch zu würdigen. Da wird es sicher starke Widerstände geben. Es gibt ansonsten nicht so viele Orte in Hamburg, an denen das so sichtbar ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Institut nach einer kritischen Aufarbeitung  weiter seinen Namen behält. Diese Aufarbeitung muss produktiv für die Zukunft sein. Es geht nicht an, dass dort im Treppenhaus weiterhin wie in einem Kuriositätenkabinett erkrankte afrikanische Patienten dargestellt werden. Es ist ein Unding, auf welche kolonialen Bilderwelten man dort stößt. Ganz abgesehen von datenschutzrechtlichen Aspekten des Patientenschutzes. Aber ich möchte gar nicht vorgreifen. Ich kann nur sagen, so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Die entsprechenden Behörden müssen die kolonialen Implikationen ihres Institutes, ihres Faches, grundlegend reflektieren, und dann werde ich mir das Ergebnis anschauen und entsprechend kritisieren oder auch einen guten Umgang damit finden.